Der Absolutheitsanspruch des Christentums

 

Ein Mann besaß einen Ring, von dem Wunderwirkungen ausgingen, wenn sein Träger daran glaubte. Dieses wertvolle Schmuckstück wollte er einem seiner drei Söhne vererben, aber er wollte nicht, daß nur einer von ihnen den Ring bekam. So ließ er zwei Kopien davon anfertigen, und nach seinem Tod erhielt jeder der Söhne einen solchen Ring. Allerdings wußten sie nicht, in wessen Besitz sich nun der echte Ring befand, und sie stritten sich deswegen. Schließlich sagte ihnen ein Richter, wahrscheinlich habe der Vater keinem von ihnen das echte Stück gegeben, um "die Tyrannei des einen Ringes" zu beenden; jeder von ihnen solle so handeln, als wäre der echte Ring sein eigen. Mit dieser berühmten "Ringparabel" hat der Dichter Gotthold Ephraim Lessing (1729 - 1781) in hohem Maße dazu beigetragen, daß sich mehr und mehr die Ansicht durchgesetzt hat, nicht eine einzige Religion habe die ganze Wahrheit, sondern alle nur einen Teil davon. Sie reflektiert die aufgeklärte religiöse Toleranz der Neuzeit im Gegensatz z.B. zu den blutigen Kreuzzügen des Mittelalters oder zum Siegeszug des Islam mit dem Schwert vor allem in dessen Frühzeit. Sie hat jedoch einen "Schönheitsfehler": sie läßt sich zumindest mit keiner der drei monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) vereinbaren, jedenfalls nicht, wenn man Bibel und Koran ernstnimmt. Alle drei Religionen beanspruchen, der einzige Weg zu Gott zu sein.

Man muß kein Experte sein, um diesen Absolutheitsanspruch in der Bibel zu finden. Man trifft ihn praktisch in allen Teilen der Heiligen Schrift. Schon das erste Gebot verbietet Israel die Verehrung anderer Götter als ihres Bundesgottes Jahwe und droht dem Übertreter dieser Anordnung weitreichende Strafen an ( 2. Ms. 20, 1 - 6). Eindringlich warnt Gott Sein Volk vor dem Götzendienst (2. Ms. 34, 15 - 16/ 5. Ms. 13, 2 - 16). Die Israeliten sollten jeden, der das erste Gebot übertrat, hart bestrafen (2. Ms. 22, 19/ 5. Ms. 17, 2 - 7), und in Kanaan sollte alle Abgötterei ausgerottet werden (2. Ms. 23, 13. 24. 32 - 33/ 5. Ms. 12, 1 - 3. 29 - 31/ 13).

In 5. Ms. 8, 4 wird ganz deutlich, daß es nur diesen einen Gott gibt: "Höre, Israel: Der HERR ist als einziger der HERR!". Dies gilt nicht nur für das Volk Gottes, sondern auch für alle anderen Nationen. Mehrfach verspottet die Bibel die Menschen, die sich ihre Götzen selbst anfertigen und dann das Werk ihrer Hände anbeten (Jes. 41, 29/ 44, 9 - 20). Diese Götter sind Nichtse und zu nichts fähig (Ps. 115). Gott erwartet auch von den Nationen, daß sie ausschließlich Ihn, ihren Schöpfer, verehren, den sie ja in der Schöpfung erkennen können (Röm. 1, 18 - 20). Leider haben sie aber "die Wahrheit Gottes in Lüge verwandelt und dem Geschöpf Verehrung und Dienst dargebracht statt dem Schöpfer" (Röm. 1, 25). Damit haben sie sich den Zorn Gottes zugezogen (Röm. 1, 18), und sie sind "zu Narren geworden" (Röm. 1, 22), was zu zu vielen Sünden geführt hat (Röm. 1, 28 - 32). Gott hat die kanaanäischen Völker durch Israel aus ihrem Land vertrieben wegen dieser Verhaltensweisen, die Ihm ein Greuel sind, aber auch wegen ihren Götzendienstes (5. Ms. 9, 4 - 5/ 18, 9 - 14). "Das Land spie seine Bewohner aus" (3. Ms. 18, 25). Gott warnt aber Sein Volk, daß es ihm nicht anders ergehen wird, wenn es den Götzendienst und die greulichen Verhaltensweisen der Kanaanäer übernimmt (3. Ms. 20, 22 - 23).

Leider hat Israel aber im Laufe der Zeit genau das in zunehmendem Maße getan, trotz aller Warnungen durch die Propheten, die Gott in Seiner großen Geduld immer wieder Seinem Volk schickte. Dies fing sogar schon an, während Mose auf dem Sinai von Gott die Zehn Gebote empfing (2. Ms. 32). Wie sehr Gott dieses Verhalten verletzte, wird z.B. in Hes. 23 deutlich (vgl. Hes. 16), wo Gott Israel und Juda mit zwei Schwestern vergleicht, die Prostituierte waren und die er heiratete, die Ihm Kinder gebaren und trotzdem weiter Hurerei trieben. Überhaupt sprachen die Propheten häufig vom Götzendienst als von geistlichem Ehebruch (Jes. 57, 3ff/ Jer. 3, 9/ 5, 7/7, 9/ 9, 1/13, 27/ 23, 10. 14/ 29, 23/ Hos. 2, 4/ 3, 1/ 4, 2. 13 - 14/ 7, 4/ Mal. 3, 5), was die Tatsache veranschaulicht, daß Gott einen legitimen Anspruch darauf hat, daß Sein Volk ausschließlich Ihn anbetet und verehrt. Und so mußte Gott schließlich Seine Drohungen wahrmachen. Die Zerschlagung Israels durch die Assyrer und die Einnahme Judas durch Nebkukadnezar sowie die darauffolgende babylonische Gefangenschaft waren die lange angekündigte Strafe dafür, daß Gottes Volk jahrhundertelang Seine Gebote mit Füßen getreten und vor allem immer wieder andere Götter verehrt hatte (2. Kön. 17/ Esra 9, 7/ Neh. 1, 4 - 11).

Das Neue Testament lehnt die Anbetung anderer Gottheiten genauso scharf ab wie das Alte. So wurde von den Heidenchristen zwar nicht die Einhaltung des alttestamentlichen Gesetzes verlangt, wohl aber u.a., daß sie auf jede Art von Götzendienst verzichten (Apg. 15, 20. 29/ 21, 25). Wenn ein Gläubiger gegen dieses Gebot anhaltend und unbußfertig verstößt, muß er aus der Gemeinde entfernt werden, und seine Mitchristen dürfen keinerlei Gemeinschaft mehr mit ihm haben (1. Kor. 5, 9 - 13). Paulus warnt die Gläubigen in Korinth eindringlich vor dieser Sünde, weil sie aus dem Reich Gottes ausschließt (1. Kor. 6, 9 - 10, vgl. Gal. 5, 19 - 21/ Eph. 5, 5/ Offb. 21, 8/ 22, 15). Deshalb sollen sie davor fliehen (1. Kor. 10, 14 vgl. 1. Joh. 5, 21). Es ist ein Unding, sowohl am Tisch des Herrn teilzunehmen als auch am Tisch der Dämonen - das eine schließt das andere aus (1. Kor. 10, 21).

Hier kommt eine interessante Tatsache zum Ausdruck: zwar sind die Götzen bzw. die heidnischen Gottheiten gar keine Götter, weil es nur einen einzigen Gott gibt (1. Kor. 8, 4). Wer sie aber verehrt, der betet nicht Gott an, sondern die Dämonen, also Geistwesen, die dem Teufel dienen (1. Kor. 10, 19 - 20). Es ist also ein Irrtum, zu meinen, alle Religionen dienen dem gleichen Gott. Das ist schon deshalb falsch, weil es erhebliche Gegensätze und Widersprüche gibt zwischen dem Gott der Bibel einerseits und z.B. Allah im Islam oder den verschiedenen hinduistischen Gottheiten andererseits. So ist z.B. der Gott der Bibel der Vater Jesu Christi, während der Koran keinen Sohn Gottes kennt. Daß alle Religionen den gleichen Gott verehren, stimmt aber vor allem auch deshalb nicht, weil hier deutlich gesagt wird, daß alle, die nicht den Gott der Bibel anbeten, den Teufel verehren und nicht Gott.

Nein, der Tempel Gottes und die Götzenbilder sind schroffe Gegensätze und nicht miteinander zu vereinbaren (2. Kor. 6, 16). Bekehrung bedeutet deshalb die Abkehr von den Götzen und die Hinwendung zum allein lebendigen und wahren Gott (1. Thess. 1, 9).

Der Absolutheitsanspruch des biblischen Glaubens wird im Neuen Testament noch deutlicher als im Alten. Der Herr Jesus formuliert ihn eindeutig und unmißverständlich: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich" (Joh. 14, 6). Jesus ist nicht ein Weg neben mehr oder weniger vielen anderen möglichen, sondern der einzige. Er vertritt nicht eine Wahrheit, neben der gleichberechtigt auch noch andere stehen, sondern es gibt nur diese eine Wahrheit über Gott, und diese Wahrheit ist eine Person: Jesus Christus. Und dann wird Er noch deutlicher: Er ist der einzige Weg zu Gott. Daraus folgt logischerweise, daß alle anderen Wege (=Religionen) Irrwege sind.

Petrus bekräftigt dies, als er sich zusammen mit Johannes vor dem Hohen Rat in Jerusalem für die Heilung eines Kranken rechtfertigen muß. Auf die Frage, in welchem Namen und in welcher Kraft sie dies getan haben, antwortet er, daß dies im Namen Jesu geschehen ist, "des Nazoräers, den ihr gekreuzigt habt, den Gott auferweckt hat aus den Toten" (Apg. 4, 10). Und dann setzt er noch eins drauf: "Und es ist in keinem anderen das Heil; denn auch kein anderer Name unter dem Himmel ist den Menschen gegeben, in dem wir gerettet werden müssen" (Apg. 4, 12). Auch dieses Wort bestätigt noch einmal in aller Klarheit den Absolutheitsanspruch des Christentums.

Auch der Apostel Paulus bringt diese Tatsache zum Ausdruck: "Denn einer ist Gott, und einer ist Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Christus Jesus ... " (1. Tim. 2, 5).

In der Frühzeit der Kirchengeschichte wurden die Christen nicht deshalb verfolgt, weil sie sich zu Jesus Christus bekannten. Das störte die römische Obrigkeit nicht. Aber sie verlangte, daß alle Untertanen, ganz gleich, welcher Religion sie angehörten, auch den römischen Kaiser verehrten. Dies mußten die Christen ablehnen, weil es Götzendienst gewesen wäre. Und so nahmen die meisten von ihnen lieber Verfolgung und z.T. sogar den Märtyrertod auf sich, als den Absolutheitsanspruch des Christentums preiszugeben.

In der Neuzeit hat sich dagegen mehr und mehr die Ansicht durchgesetzt, daß alle Religionen gleichwertig sind, einen Teil der göttlichen Wahrheit darstellen und Wege zu Gott sind. Liberale Theologen "lösen" das Problem, daß die Bibel dagegen vielfach Einspruch erhebt, indem sie kurzerhand die einschlägigen Aussagen des Wortes Gottes als zeitbedingt bezeichnen. Sie glauben u.a., zu wissen, daß z.B. die Aussage des Herrn Jesus über sich selbst in Joh. 14, 6 gar nicht von ihm stammt.

Vielen unserer Zeitgenossen geht es im Hinblick auf ihrer religiösen Überzeugungen schon gar nicht mehr um die Wahrheit. Sie mixen sich einen frommen Cocktail aus Versatzstücken aus den verschiedensten Religionen, je nachdem, was ihnen am besten gefällt: man nehme einen Schluck christliche Nächstenliebe, eine großzügige Dosis buddhistische Reinkarnationslehre sowie ein Gläschen esoterischen Kontakt mit Geistwesen, würze das Getränk mit etwas animistischer Verehrung der "Mutter Erde" und schüttele das Ganze kräftig - wohl bekomm's!

Wer dagegen heute noch die Ansicht vertritt, Jesus sei der einzige Weg zu Gott, und alle Religionen seien Irrwege, der gilt als ewiggestriger, engstirniger und intoleranter Fundamentalist, und das sogar bei Menschen, die sich für Christen halten und es z.T. auch sind. Hier hört dann die sonst scheinbar grenzenlose Toleranz auf und droht, sogar ins Gegenteil umzuschlagen. Wir sollten aber trotzdem den Mut haben, auch heute noch freundlich und bescheiden, aber doch unmißverständlich und kompromißlos für den Absolutheitsanspruch des biblischen Christentums zu einzustehen. Schließlich stehen wir damit auf der Grundlage des Wortes Gottes. Und auch die Logik ist auf unserer Seite. Immerhin gibt es auf bestimmte Fragen nur eine einzige richtige Antwort, und z.B. ein Dreizehnerbolzen läßt sich ausschließlich mit einem Dreizehnerschlüssel lösen. Noch ein Bild: für die Benutzung von Scheckkarten und Handys muß jeweils die richtige PIN-Nummer eingegeben werden, und auch für den Internetzugang braucht man das korrekte Paßwort - sonst funktioniert es nicht. Und so ist der Herr Jesus sozusagen der Code für die Gemeinschaft mit Gott. Er akzeptiert nur diesen einen Code!

Es gibt aber ein noch viel gravierenderes Argument: Sollte Gott Seinem geliebten Sohn wirklich diesen schrecklichen Tod am Kreuz zugemutet haben, weil Er sich zu all den vielen anderen Erlösungsmöglichkeiten noch eine weitere gewünscht hat? Die Ansicht, der Glaube an den Herrn Jesus Christus sei nur einer von vielen Wegen zu Gott, ist eine Beleidigung des stellvertretenden Opfertodes Jesu am Kreuz, weil es ihn im Grunde bedeutungslos und überflüssig macht.

Detlev Fleischhammel