Ein vorbildlicher Dienst

Apg. 20, 17 - 38

 

Als ich vor einigen Jahren eine längere Reise antrat, bedrückte mich das Gefühl, daß eine schwere Zeit vor mir lag, was sich dann auch bestätigte. Ähnlich muß es Paulus ergangen sein, als er unterwegs nach Jerusalem war - nur, daß es bei ihm nicht nur eine Art Vorahnung war, sondern die Gewißheit, "daß Fesseln und Bedrängnisse auf mich warten" (V. 23). Als er sich nun von den Ältesten der Gemeinde Ephesus verabschiedete, stand für ihn fest, daß er sie erst im Himmel wiedersehen würde (V. 25).

In seinen sehr eindringlichen Abschiedsworten definiert der Apostel noch einmal den Ältestendienst (V. 28. 31a); vor allem aber erinnert er sie an das Vorbild, das er ihnen durch seinen eigenen Dienst in Ephesus gegeben hat. Von diesem Beispiel können auch wir heute noch lernen.

Die Art seines Dienstes

Uns kommt es heute manchmal seltsam vor, wenn wir lesen, wie Paulus auf sein eigenes Vorbild und vor allem auf seine Demut hinweist (V. 19, vgl. 2. Kor. 10, 1). Ist so etwas nicht eigentlich unvereinbar mit der Demut? Hier zeigt sich, daß wir unbewußt oft unser menschliches, von der westlichen Kultur geprägtes Denken in biblische Begriffe hineininterpretieren. Hinter unserer Sitte, die eigenen Leistungen und Fähigkeiten eher zu untertreiben, steht längst nicht immer echte Bescheidenheit. Wenn dagegen jemand wie Paulus in der richtigen Haltung und aus lauteren Motiven auf seine Vorbildlichkeit hinweist, steht das durchaus nicht im Gegensatz zur Demut.

Auch heute brauchen wir Menschen, die uns diese echte Demut vorleben, die sich u.a. zeigt in der Bereitschaft, Korrektur anzunehmen, in der Fähigkeit, mangelnde Anerkennung und Bestätigung im Dienst zu verkraften und auf die Durchsetzung eigener Vorstellungen und Pläne zu verzichten, wenn sich dies als angebracht erweist.

Vorbildlich war auch der Einsatz des Apostels. In den drei Jahren seines Dienstes in Ephesus finanzierte er seinen Dienst und den seiner Mitarbeiter durch eigene Berufstätigkeit (V. 33 - 35); dadurch stand er die ganze Zeit unter einer kräftezehrenden Doppelbelastung, zumal er zu jeder Tages- und Nachtzeit für die Gemeinde da war (V. 31: Nacht und Tag). Heute dagegen scheitert die Gründung eines Hauskreises manchmal schon daran, daß sich niemand findet, der sein Wohnzimmer dafür zur Verfügung stellt.

Der Inhalt seines Dienstes

Paulus sah seine Aufgabe in Ephesus offenbar vor allem in der Verkündigung bzw. Lehre (V. 20 - 28) und in der Seelsorge (V. 31).

Was war Gegenstand seiner Verkündigung und Lehre, als er in der gerade entstandenen Gemeinde arbeitete? Er nennt nur zwei Themen: Buße zu Gott und den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus (V. 21). Dies scheint sich vor allem auf seine evangelistischen Botschaften zu beziehen und erinnert an das, was Petrus und er selbst in solchen Zusammenhängen auch anderswo gelehrt hatten: "Tut Buße" (Apg. 2, 38), "glaube an den Herrn Jesus Christus" (Apg. 16, 31).

Steht die Buße eigentlich noch im Mittelpunkt unserer heutigen Verkündigung? Unsere Zeitgenossen können mit diesem Begriff meist kaum noch etwas anfangen bzw. haben falsche Vorstellungen darüber - aber das sollte uns nicht dazu verführen, in unseren evangelistischen Botschaften dieses zentrale Thema zu vernachlässigen! Stehen wir nicht in der Gefahr, den Herrn Jesus Christus einseitig fast nur als den darzustellen, der unsere Probleme lösen und unserem Leben Sinn geben will? Aber ohne die erschütternde Erkenntnis, daß wir von Natur aus Feinde Gottes sind (Röm. 5, 10), in Gottes Augen tot (Eph. 2, 1), von Satan manipuliert und mißbraucht (Eph. 2, 2), daß wir unter Gottes gerechtem Zorn stehen (Eph. 2, 3; vgl. Joh. 3, 36), daß wir trotz aller Religiosität (neudeutsch: "Spiritualität") von Gott getrennt und daher ohne echte Hoffnung sind (Eph. 2, 13) und auf dem Weg zur ewigen und wegen unserer großen Schuld vor Gott auch verdienten Verdammnis (Röm. 6, 23b), und ohne die Konsequenz dieser Erkenntnis, nämlich eine vom Heiligen Geist bewirkte ehrliche, tiefe Reue und ernsthafte Umkehr ist eine echte Bekehrung nicht möglich. Paulus betont in seinen Briefen dieses Thema: Buße ist ein Geschenk Gottes, ohne das wir die Wahrheit nicht erkennen können (2. Tim. 2, 25). Dieses Geschenk muß jedoch von uns angenommen und bejaht werden (2. Kor. 12, 12); an diesen Punkt führt Gott uns durch die Erkenntnis Seiner großen Güte (Röm. 2, 4), manchmal aber auch durch Betrübnisse (2. Kor. 7, 9 - 10).

Das, was die Bibel unter Buße versteht, war übrigens zumindest den von der griechischen Denkweise und Kultur geprägten Menschen damals im Grunde genauso fremd wie unseren Zeitgenossen heute. Für den Griechen der Antike hatte Buße nichts zu tun mit einer Korrektur der moralischen Einstellung, einer tiefgehenden Umgestaltung des Lebens oder gar einer Bekehrung, die das ganze Verhalten verändert. Für ihn bezog sie sich immer nur auf bestimmte Einzelsituationen und konnte sogar ein Wechsel zum Bösen sein (siehe Gerhard Kittel, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, zum Wort "metanoia"). Das hat Paulus und die anderen Apostel aber nicht im geringsten davon abgehalten, die Buße in den Mittelpunkt ihrer evangelistischen Verkündigung zu stellen. Wir sollten auch auf diesem Gebiet ihrem Vorbild folgen, allerdings nicht, ohne dabei unseren Zuhörern verständlich und anschaulich zu machen, was wir mit diesem Begriff meinen.

Darüber hinaus lehrte er die Epheser alles, "was nützlich ist" (V. 20) und weihte sie ein in "den ganzen Ratschluß Gottes" (V. 27). Hier meint er offenbar nicht mehr eine evangelistische Verkündigung mit dem Ziel, daß die Zuhörer den Herrn Jesus Christus als ihren Retter und Herrn annehmen; viel mehr geht es um eine systematische, weiterführende Lehre, die den Gläubigen helfen sollte, geistlich zu wachsen. Die geistlichen Wahrheiten, die Paulus ihnen weitergab, waren "nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes richtig sei, für jedes gute Werk ausgerüstet" (2. Tim. 3, 16b - 17). Das "Nützliche" war also nicht nur das, was die einzelnen Gemeindeglieder für ihr persönliches geistliches Leben brauchten, sondern auch die lehrhafte "Ausrüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes" (Eph. 4, 12).

Was aber meinte er mit dem "Ratschluß" Gottes? Das griechische Wort boulh/ bezeichnet im Neuen Testament Seinen von Ihm unumstößlich festgelegten Willen. Gottes Wille oder Ratschluß bezieht sich auf Seinen Heilsplan (Apg. 4, 28) bzw. das Heilsangebot (Lk. 7, 30), aber auch ganz allgemein auf Seine Absichten und Pläne mit und für uns (Apg. 13, 36/ Eph. 1, 11/ Hebr. 6, 17). Paulus hat die Gläubigen in Ephesus also umfassend und systematisch informiert

Verkündigung des ganzen Ratschlusses Gottes bedeutet für uns also eine systematische, praxisbezogene Lehre alles dessen, was uns in der Bibel geoffenbart ist.

Auffallend ist, daß Paulus in diesem Zusammenhang zweimal sagt, er habe nichts von alledem "zurückgehalten". Das ist ziemlich zurückhaltend übersetzt! Im Grundtext schwingt der Gedanke stark mit, daß man etwas aus Angst oder Feigheit nicht sagt - nicht etwa nur aus vornehmer Zurückhaltung. Paulus nahm in Ephesus wie auch anderswo in seiner Lehre und Verkündigung kein Blatt vor den Mund; er scheute sich nicht davor, auch unangenehme, unbequeme geistliche Wahrheiten deutlich zu sagen - auch auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen und Widerspruch zu ernten. Daran war er gewohnt, nicht nur von seiten der Juden, die ihn verfolgten, sondern manchmal auch von seinen geistlichen Kindern, z.B. den Korinthern.

Auch an dieser Stelle sollte das Vorbild des Apostels uns dazu bringen, unsere eigene Verkündigung und Lehre zu überprüfen. Unsere Botschaften sollten nicht schroff sein oder die Zuhörer unnötig provozieren oder vor den Kopf stoßen. Aber wir müssen den Mut haben, wie Paulus, mit unserer Verkündigung da, wo es nötig ist, anzuecken. Als ich zum erstenmal eine heftige, ziemlich emotionale ablehnende Reaktion eines Gläubigen auf eine meiner Predigten erlebte, war ich zunächst sehr betroffen und fragte mich, was ich falsch gemacht hatte. Aber weder an dem, was ich gesagt hatte, noch an dem, wie ich es gesagt hatte, war objektiv etwas auszusetzen, und so kam ich zu dem Schluß, daß dieser Bruder an dieser Stelle innerlich getroffen war, sich aber an dieser Stelle vom Wort Gottes nicht korrigieren lassen wollte. Dies bestätigte sich später, als ich mehr über ihn erfuhr. Es ist wohl keine allzu große Übertreibung, zu behaupten, daß die Verkündigung der Apostel eigentlich immer heftige Reaktionen hervorrief: entweder bekehrten sich die Menschen, oder sie warfen mit Steinen!

Verkündigen wir wirklich den ganzen Ratschluß Gottes? Trauen wir uns auch an schwierige Themenbereiche heran wie z.B. die Prophetie? Mit dem Hinweis auf die vielen unterschiedlichen Auffassungen auf diesem Gebiet und auf die vielfältigen falschen Bibelauslegungen und z.T. abenteuerlichen Spekulationen machen wir es uns zu leicht. Vergessen wir nicht, was Petrus uns in 2. Pet. 1, 19 sagt: "Und so besitzen wir das prophetische Wort ‹um so› fester, und ihr tut gut, darauf zu achten als auf eine Lampe, die an einem dunklen Ort leuchtet, bis der Tag anbricht und der Morgenstern in euren Herzen aufgeht." - Haben wir den Mut, klar und deutlich zu sagen, was die Bibel über die Hölle lehrt? Nicht nur die Allversöhner unter den Gläubigen haben heute Schwierigkeiten, diese Lehre zu akzeptieren - aber vielleicht liegt das u.a. auch daran, daß wir dazu neigen, dieses Thema sowohl in der evangelistischen Verkündigung als auch in der Gemeindelehre zu vernachlässigen.

Der Dienst des Paulus in Ephesus bestand aber nicht nur in Verkündigung und Lehre, sondern auch darin, daß er "drei Jahre lang Nacht und Tag nicht aufgehört" hatte, "einen jeden unter Tränen zu ermahnen" (V. 31), also in der Seelsorge. Hierbei ist nicht nur an Zurechtweisung oder Korrektur zu denken; das im Grundtext verwendete Wort bedeutet in der Tat "ermahnen, warnen, Vorhaltungen machen", aber zunächst einmal einfach "ans Herz legen, zu bedenken geben". In diesen persönlichen Gesprächen fand die Verkündigung des Apostels ihre Fortsetzung; hier machte er den einzelnen Gläubigen klar, wie sie in ihrer persönlichen Situation das Gehörte in die Praxis umsetzen sollten. Und so verbindet die Bibel denn auch den Dienst der Verkündigung untrennbar mit dem der Seelsorge, indem sie in Eph. 4, 11 den Hirten (Seelsorger) und Lehrer (Verkündiger) in einer Person sieht.

Paulus hatte allen Grund, beim Abschied von den Gemeindeältesten aus Ephesus daran zu erinnern, was für ein Vorbild er für sie gewesen war. Von diesem Beispiel können wir auch heute noch lernen, und zwar nicht nur im Hinblick auf die Art, sondern auch auf den Inhalt seines Dienstes.

Detlev Fleischhammel