Vollmacht

 

Das Blut des frischgeschlachteten Jungstiers floß über die Steine und auf den Boden. Dann ergossen sich zwölf Eimer Wasser über das Opfertier und den Altar. Das kostbare Naß sammelte sich einem die heilige Stätte umgebenden Graben. Jemand sprach ein kurzes, aber inbrünstiges Gebet, und plötzlich war eine gewaltige Flamme zu sehen. Sie verzehrte nicht nur den Jungbullen, sondern auch das Holz, die Steine des Altars, die Erde und selbst das Wasser. Nun konnte niemand mehr leugnen, daß der Gott Israels der allein wahre Gott war - dieses Wunder hatte es eindrucksvoll bewiesen!

Was ist Vollmacht?

Was der Prophet Elia hier erlebte, ist eine gute Veranschaulichung dessen, was wir meist unter dem Begriff "Vollmacht" verstehen: eine göttliche Beauftragung und Bestätigung des Dienstes eines Menschen, wodurch Dinge geschehen, die sich normalerweise unserem Einfluß mehr oder weniger entziehen. "Diese Legitimation vollzieht sich im Ursprung verborgen, sie wird offenbar in der Ausdrucksform eines Wortes, einer Handlung, eines Leidens im Raum einer umkämpften Geschichte," schreibt der Theologe Otto Michel im "Evangelischen Gemeindelexikon" und weist damit bereits darauf hin, daß es dabei längst nicht immer spektakulär zugehen muß.

Wo in den deutschen Übersetzungen des Neuen Testaments der Begriff "Vollmacht" steht, da finden wir im griechischen Grundtext das Wort "exousia", das einschließlich der davon abgeleiteten Ausdrücke hundertfünfmal vorkommt, und zwar besonders häufig in den Evangelien und in der Offenbarung. Zu Recht übersetzt die Elberfelder Bibel diesen Ausdruck unterschiedlich, je nach Zusammenhang und Bedeutung: Anrecht (Offb. 22, 14), Befehlsgewalt (Mt. 8, 9), Freiheit (1. Kor. 8, 9), Gewalt (Lk. 22, 25), Machtbereich (Lk. 23, 7), Macht (Mt. 28, 18/ Lk. 4, 6/ 10, 19/ Apg. 8, 19/ Röm. 9, 21/ 1. Kor. 11, 10/ Eph. 1, 21/ Offb. 2, 26/ 13, 2 usw.), Recht (Joh. 1, 12/ 1. Kor. 9, 4 - 6/ 2. Thess. 3, 9/ Hebr. 13, 10 usw.), Verfügung (Apg. 5, 4), Verfügungsrecht (1. Kor. 9, 12), Vollmacht (Mt. 7, 29/ 21, 17/ Mk. 2, 10/ 13, 34/ Lk. 4, 36/ 10, 19/ Joh. 5, 27/ Apg. 1, 7/ 26, 12/ 2. Kor. 13, 10 usw.).

Wer hat Vollmacht?

Fast immer, wenn andere Lebewesen als Gott über Vollmacht verfügen, ist sie ihnen von jemand gegeben worden, der über ihnen steht. Das ist deutlich zu sehen bei dem Teufel (Lk. 4, 6), den Jüngern bzw. Aposteln (Mt. 10, 1/ Lk. 10, 19/ Apg. 8, 19/ 2. Kor. 10, 18), anderen Menschen wie dem Hauptmann in Kapernaum (Mt. 8, 9), den Knechten im Gleichnis Jesu (Mk. 13, 34), Pilatus (Joh. 19, 10 - 11), Paulus vor seiner Bekehrung (Apg. 9, 14/ 26, 10) sowie in der Offenbarung bei den Überwindern (Offb. 2, 26), dem Tod und dem Hades (Offb. 6, 8), den Heuschrecken (Offb. 9, 3), den zwei Zeugen (Offb. 11, 3 - 6) und dem Tier (Offb. 13, 4 - 7).

Niemand hat von sich aus geistliche Vollmacht; man kann sie sich auch nicht einfach nehmen. Das erfuhren die Söhne des Skevas in Ephesus auf schmerzliche Weise, als sie versuchten, wie Paulus böse Geister im Namen Jesu auszutreiben (Apg. 19, 13 - 17). Vollmacht können wir nur als Geschenk von Gott bekommen und können nicht frei darüber verfügen, sondern nur in der Abhängigkeit von Ihm und im Gehorsam gegenüber Seinem Wort und Seiner Führung. So wurde dem Saul das Amt und die damit verbundene Vollmacht des Königs Israels genommen, nachdem er sich durch seinen Ungehorsam im Hinblick auf diese Aufgabe disqualifiziert hatte (1. Sam. 15). Als Paulus in Ephesus war, wurden Kranke geheilt und Dämonen ausgetrieben, indem die Betreffenden mit Kleidungsstücken in Berührung kamen, die der Apostel getragen hatte (Apg. 19, 11 - 12); aber später konnte er seinen kranken Mitarbeiter Trophimus nicht von seinem Leiden befreien und mußte ihn deshalb in Milet zurücklassen (2. Tim. 4, 20). Auch für das häufige Unwohlsein des Timotheus hatte er keine andere Hilfe als einen medizinischen Rat (1. Tim. 5, 23).

Vollmacht ist nicht Selbstzweck, sondern Ausrüstung für den Dienst. Sie wird uns nicht gegeben, damit wir sie für uns selbst gebrauchen oder, um selbstsüchtig über andere Menschen zu herrschen. Der Herr Jesus Christus gab Seinen Jüngern Vollmacht über Dämonen und Krankheiten (Mt. 10, 1). Aber diese Gabe war mit einem Auftrag verbunden: sie sollten Kranke heilen, Tote auferwecken, Aussätzige reinigen und Dämonen austreiben (Mt. 10, 8) und so den Menschen dienen. Dahinter stand aber noch ein größerer Auftrag: sie sollten Israel das Evangelium vom Reich Gottes verkündigen (Mt. 10, 5 - 6). Ebenso sollen auch die Gnadengaben, die eine besondere Bevollmächtigung der Gläubigen sind, nicht den Gabenträgern dienen, sondern der Allgemeinheit der Gemeinde (Röm. 12, 4 - 8/ 1. Kor. 12, 7/ 1. Pt. 4, 10 - 11).

Damit ist auch bereits eine andere wichtige Wahrheit angedeutet: jeder wiedergeborene Christ hat Vollmacht von Gott bekommen. Sie zeigt sich z.B. in den Geistesgaben (s.o.). Sie bezieht sich aber auch, und das ist noch viel wichtiger, nach Joh. 1, 12, auf das Recht (hier finden wir im griechischen Grundtext wieder das Wort "exousia", das oft mit "Vollmacht" übersetzt wird - die Lutherbibel spricht hier bekanntlich von "Macht"), Gottes Kinder zu werden. Die Gotteskindschaft der Gläubigen ist unsere wichtigste und wertvollste Bevollmächtigung! In ihr zeigt sich die Größe der Liebe Gottes (1. Joh. 3, 1), und durch sie werden Feinde Gottes nicht nur mit ihrem Schöpfer versöhnt (Röm. 5, 10), sondern sogar von Ihm adoptiert und dadurch zu erbberechtigten Kindern des himmlischen Vaters gemacht (Röm. 8, 15 - 17) - das Erbe besteht aus der himmlischen Herrlichkeit (V. 21).

Man sollte sich hüten, die Einzelheiten des zeitlich begrenzten Auftrags, den der Herr Jesus Seinen Jüngern in Mt. 10, 1 - 15 (vgl. Mk. 6, 7 - 13/ Lk. 6, 12 - 16) gegeben hat, eins zu eins auf die Gemeinde zu übertragen (dies gilt z.B. für den Heilungsauftrag der Jünger, von der außerhalb der Evangelien im Hinblick auf die Gemeinde nie die Rede ist). Aber unsere Vollmacht über die Dämonen auf der Grundlage des Sieges unseres Herrn über den Teufel ist auch in den Briefen gut bezeugt (2. Kor. 10, 3 - 6/ Eph. 6, 10 - 17/ Hebr. 2, 14 - 15). Dadurch sind wir in der Lage, dem Teufel zu widerstehen (Jak. 4, 7/ 1. Pt. 5, 8 - 9), und wir dürfen auch dem Vorbild des Herrn Jesus und der Apostel folgen und in Seinem Namen Dämonen gebieten, ihre Herrschaft über Menschen aufzugeben (Mt. 8, 16. 28 - 34/ 9, 32 - 34/ 12, 22/ 17, 14 - 21/ Apg. 5, 16/ 8, 7/ 16, 18/ 19, 11 - 12).

Besondere Aufgaben und Verantwortungen sind auch mit besonderer Vollmacht verbunden, ohne die solche Dienste gar nicht getan werden könnten. Interessanterweise spricht Paulus von seiner Vollmacht als Apostel aber lediglich im zweiten Korintherbrief, in dem es um ein Problem in der Gemeinde ging, das dieser Mann Gottes nur unter deutlichem Hinweis auf seine spezielle Autorität zu lösen versuchen konnte.

Auch die Gemeindeältesten haben von Gott notwendigerweise ein größeres Maß an Vollmacht bekommen als andere Gläubige. Sie haben einen Anspruch auf den Gehorsam und die Unterordnung der übrigen Gemeindeglieder (Hebr. 13, 17/ 1. Pt. 5, 5) sowie deren besondere Anerkennung und Liebe (1. Thess. 5, 12 - 13), und Klagen gegen einen Ältesten dürfen nur aufgrund von zwei oder drei verschiedenen Zeugenaussagen angenommen werden (1. Tim. 5, 19). Diese Autorität darf allerdings nicht aus unlauteren Motiven eingesetzt werden und schon gar nicht in der falschen Haltung. 1. Pt. 5, 3 warnt die Ältesten davor, ihren Dienst als solche zu tun, "die über ihren Bereich herrschen". Die Übersetzung "herrschen" ist zu schwach; das Wort katakyrieuo bedeutet "unterjochen", "niederzwingen", "gewalttätig herrschen" (cf. Walter Bauer, Wörterbuch zum Neuen Testament). Ein autoritärer Ältestendienst steht in klarem Widerspruch zum Neuen Testament; außerdem schadet er der Gemeinde und führt zu einem mindestens teilweisen Verlust der Vollmacht. Damit sind wir bei der nächsten und letzten Frage:

Was hemmt unsere Vollmacht?

Wenn unser Dienst Früchte trägt und sich somit als vollmächtig erweist, dann ist das zum größten Teil nicht auf unsere Fähigkeiten und unseren Einsatz zurückzuführen, sondern auf das Wirken Gottes. Unbereinigte Sünde, geistliche Kompromisse und Lauheit betrüben jedoch den Heiligen Geist (Eph. 4, 30) und behindern Ihn damit in unserem Dienst. Dadurch verlieren wir einen Teil unserer Vollmacht. Wo die Glaubwürdigkeit oder die Autorität der Heiligen Schrift an irgendeiner Stelle bewußt oder unbewußt dem Zeitgeist oder der eigenen Meinung bzw. dem persönlichen Empfinden geopfert wird, da wird die Verkündigung des Wortes Gottes zwangsläufig weniger geistliche Kraft haben. Wenn Konflikte zwischen Mitarbeitern schwelen und nicht bereinigt werden, dann braucht sich niemand zu wundern, daß bei ihrer Gemeindearbeit nicht viel herauskommt. Das gewaltige Wirken des Heiligen Geistes in der Urgemeinde, das in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte geschildert wird, hängt natürlich mit der besonderen heilsgeschichtlichen Situation zusammen. Aber es ist auch zurückzuführen auf den uneingeschränkten Gehorsam der ersten Gläubigen gegenüber Gott (Apg. 4, 19 - 20. 29) und darauf, daß bewußte Sünde nicht geduldet wurde (Apg. 5, 1 - 11) und Probleme miteinander in der richtigen Weise gelöst wurden (Apg. 6, 1 - 7).

Es ist erfreulich und notwendig, daß wir viel Zeit, Kraft und "Gehirnschmalz" investieren, um mit viel Phantasie und Liebe zu den Verlorenen immer wieder nach neuen, sinnvollen und effektiven Methoden und Strategien für unseren evangelistischen Dienst zu suchen. Aber darin liegen auch mehrere große Gefahren. Eine davon ist, daß wir uns so stark auf diese äußeren Dinge konzentrieren, daß wir die geistliche Dimension außer acht lassen oder doch zumindest zu wenig beachten. Alle unsere Gästegottesdienste, Frauenfrühstückstreffen, Nachbarschaftsfeste, Straßeneinsätze, Evangelisationswochen usw. werden, so wichtig und unverzichtbar sie auch sind, wenig bewirken, wenn z.B. keine Gemeindezucht geübt wird oder dies nicht konsequent und schriftgemäß oder nicht in der richtigen geistlichen Haltung geschieht, wenn in der Gemeinde immer wieder schlecht übereinander geredet wird, wenn das Kriegsbeil zwar begraben wird, aber so, daß der Griff noch zu sehen ist!

Wir machen es uns zu leicht, wenn wir die traurige Tatsache, daß in unseren Gemeinden oft relativ wenig Menschen zum Glauben kommen und kaum bzw. kein zahlenmäßiges Wachstum zu verzeichnen ist, damit erklären, daß unser Ort und unser Land nun einmal ein "harter Boden" sei, daß dies ein Zeichen der Endzeit und eine numerische Zunahme der Gemeinde nicht das Wichtigste sei. Wir sollten uns ernsthaft prüfen, ob es nicht auch an unserem Mangel an Vollmacht liegt, und worin die Ursachen dafür zu suchen sind.

Detlev Fleischhammel