Der Glaube entsteht durch die
Verkündigung des Wortes Gottes

 

Dieser Satz ist nur auf den ersten Blick eine Binsenweisheit. Denn erstens wäre er nicht ausdrücklich in der Bibel so gesagt worden (Röm. 10, 17), wenn diese Wahrheit so offensichtlich wäre; und zweitens wird sie heute zumindest teilweise in Frage gestellt durch die Suche nach modernen, eindrucksvollen und anschaulichen Methoden der Weitergabe des Evangeliums. Im Folgenden soll untersucht werden, ob das Wort Gottes wirklich keine anderen Quellen des Glaubens kennt als die Auslegung der Bibel.

Der Glaube kommt nicht aus dem Sehen

In den Evangelien und in der Apostelgeschichte scheint es tatsächlich Beispiele dafür zu geben, daß Menschen glaubten aufgrund dessen, was sie gesehen hatten: die orientalischen Magier glaubten, nachdem sie den Stern von Bethlehem gesehen hatten (Mat. 2, 2); die Volksmengen verherrlichten Gott für die Wunder, die der Herr Jesus tat (Mat. 9, 8/ 15, 31/ Mrk. 2, 12/ Luk. 5, 26/ 18, 43) - manchmal wird sogar ausdrücklich gesagt, daß viele Menschen aufgrund dieser Wunder an Ihn glaubten (Joh. 2, 23/ 6, 14/ 11, 45); wegen der übernatürlichen Begleiterscheinungen des Sterbens Jesu glaubte ein römischer Hauptmann an Ihn als den Sohn Gottes (Mat. 27, 54/ Luk. 23, 47); die Hirten glaubten, nachdem sie das Kind in der Krippe gesehen hatten (Luk. 2, 15 - 17); als Johannes der Täufer von Zweifeln geplagt wurde, wies der Herr Jesus ihn auf die Wunder hin (Luk. 7, 22); Johannes und Thomas glaubten erst dann an die Auferstehung Jesu, als sie sich mit ihren eigenen Augen davon überzeugen konnten (Joh. 20, 8. 25); und der Prokonsul auf Zypern glaubte aufgrund eines Wunders, das Paulus getan hatte (Apg. 13, 12).

Aber der Glaube, der in diesen Fällen durch das Sehen entstand, war kein Glaube im biblischen Sinn. Glauben ist mehr als ein bloßes Fürwahrhalten. Glauben bedeutet, sich dem Herrn Jesus Christus anzuvertrauen, Sein Erlösungswerk anzunehmen und ein neues Leben mit Ihm und für Ihn zu beginnen. Der Glaube ist eine vertrauensvolle persönliche Beziehung. Schauen wir uns die scheinbaren biblischen Beispiele für das Sehen als Quelle des Glaubens einmal näher an und vergleichen sie mit dieser Definition:

Die Magier bejahten lediglich ihre durch Astronomie gewonnene Erkenntnis, daß das Baby in Bethlehem der neugeborene König der Juden war. Die Volksmengen sahen zwar ein, daß es die Kraft Gottes war, durch die der Herr Jesus Wunder tat - aber das hinderte sie später nicht daran, Seine Kreuzigung zu verlangen. Der Glaube des römischen Hauptmanns bestand, soviel wir wissen, in nicht mehr als der Zustimmung zur Tatsache der Gottessohnschaft Jesu. Johannes und Thomas waren bereits Jünger Jesu, die an Ihn als ihren Messias glaubten - ihre Glaubenszweifel bezogen sich nur auf die Auferstehung Jesu. Über die Art des Glaubens des Prokonsuls wissen wir leider so gut wie nichts.

Bei den Hirten dagegen entstand der Glaube eigentlich schon durch das Hören der Botschaft der Engel; sonst hätten sie nicht ihre Schafe zurückgelassen und sich eilig auf den Weg nach Bethlehem gemacht. Das Sehen war nur noch eine Bestätigung, aber nicht die Ursache ihres Glaubens. Und schließlich lag das Entscheidende und Wichtigste und darum Letztgenannte in der Antwort Jesu an Johannes den Täufer nicht in den Wundern, sondern in der Verkündigung der Frohen Botschaft.

Der Glaube kommt aus dem Hören bzw. aus dem Gehörten

Es ist also klar: das Sehen hat bei der Entstehung echten Glaubens allenfalls eine ergänzende, unterstützende Funktion. Das allerdings wird auch durch die Erfahrung vieler Gläubiger bestätigt: besondere Erlebnisse, das glaubhaft gelebte Zeugnis von Christen und ähnliche Beobachtungen machen oft Menschen offen für das Evangelium, aber es ist eben nicht das Gesehene, sondern das Gehörte, nämlich das Wort Gottes, wodurch unser persönlicher Glaube an den Herrn Jesus entstanden ist. Es gibt im Neuen Testament keine Hinweise darauf, daß aus dem Sehen allein echter biblischer Glaube entstehen kann. Im Gegenteil - Glauben und Sehen sind im Grunde diametrale Gegensätze. Der Glaube ist „ein Überführtsein von Dingen, die man nicht sieht" (Hebr. 11, 1). „Eine Hoffnung aber, die gesehen wird, ist keine Hoffnung" (Röm. 8, 24). Und „wir wandeln durch Glauben, nicht durch Schauen" (2. Kor. 5, 7). Wir glauben an den Herrn Jesus, obwohl wir Ihn jetzt nicht sehen (1. Pet. 1, 8). Darum sind „glückselig, die nicht gesehen und doch geglaubt haben" (Joh. 20, 29). Diese Bibelstellen zielen allerdings mehr auf das Wesen des Glaubens ab als auf die Entstehung des Glaubens im einzelnen Menschen.

Röm. 10, 17 sagt eindeutig und unmißverständlich: „Also ist der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch das Wort Christi". Andere Quellen des Glaubens werden nicht genannt. Was ist hier mit „Verkündigung" gemeint? Das im griechischen Grundtext verwendete Wort kommt vom Verb für „hören" und kann in diesem Zusammenhang zwei Bedeutungen haben: entweder die Tätigkeit des Hörens (das Hören) oder den Inhalt des Hörens (das Gehörte, das Verkündigte). Vielleicht ist sogar an beides gedacht; das läßt sich daraus schließen, daß es in V. 16 um das Gehörte und in V. 18 um das Hören geht.

William MacDonald stellt in seinem Kommentar treffend fest, daß damit nicht ausschließlich eine akustische Wahrnehmung gemeint sein muß: „Die Botschaft könnte etwa auch gelesen werden. Deshalb bedeutet 'hören' hier, das Wort empfangen, auf welchem Weg auch immer." Die Luther-Übersetzung: „Der Glaube kommt aus der Predigt" verengt die Bedeutung unnötig und läßt einseitig an eine Rede von der Kanzel denken. Verkündigung kann jedoch z.B. auch im persönlichen, seelsorgerlichen oder evangelistischen Gespräch geschehen. Entscheidend ist letztlich nicht die Form, sondern die Botschaft. Das geht aus der zweiten Hälfte von Röm. 10, 17 hervor: „die Verkündigung (ist) aber durch das Wort Christi (oder, nach anderen Handschriften: das Wort Gottes)". Für den Begriff „Wort" steht hier im Grundtext nicht der griechische Ausdruck „logos", der sonst im Neuen Testament fast immer das Wort Gottes bezeichnet, sondern „rhema". Damit ist meistens eher das gesprochene Wort gemeint. Vermutlich soll damit angedeutet werden, daß durch die Verkündigung das uns ja schriftlich vorliegende Wort Gottes bzw. Christi wieder neu gesprochen und somit hörbar gemacht wird.

Aber um nichts anderes darf es sich dabei handeln als um das Wort Gottes. Echter Glaube im biblischen Sinn entsteht nicht durch irgendeine Verkündigung, sondern dadurch, daß die Bibel gelesen, erklärt bzw. ausgelegt und auf die Zuhörer angewendet wird. Martin Luther sagte dazu: „Der heilige Geist wirkt nirgend, wo er nicht zuvor durch das Wort, als durch eine Röhre, ins Herz kommt."

Bildmeditationen, Gedanken über geistliche Dinge und Ähnliches mögen ihren Wert haben und oft sogar mit der Bibel übereinstimmen. Aber nur dem Wort Gottes gilt die Verheißung, daß es „nicht leer zurückkehrt" (Jes. 55, 11), daß es „wie ein Feuer ist und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert" (Jer. 23, 29) und daß es „lebendig ist und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist ... und ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens" (Hebr. 4, 12). Deshalb werden wir ja auch unmißverständlich dazu aufgefordert, nichts als das Wort Gottes zu verkündigen (2. Tim. 4, 2) - und nicht Träume und Visionen (Jer. 23, 28), nicht Fabeln (2. Tim. 4, 4), nicht uns selbst (2. Kor. 4, 5). Nur, wenn die Bibel Ausgangs- und Mittelpunkt unserer Verkündigung ist, dürfen wir damit rechnen, daß dadurch echter Glaube entsteht. Nur dann werden nämlich Menschen dahin kommen, daß sie Jesus Christus als Herrn bekennen und glauben, daß Gott Ihn aus den Toten auferweckt hat, und dadurch errettet werden (Röm. 10, 9).

Anspiele und ähnliche Dinge haben dennoch ihren Platz

Nirgends in der Bibel findet sich der Gedanke oder ein Beispiel dafür, daß durch Musik das Evangelium verkündigt werden kann - noch nicht einmal durch Lieder mit einem guten evangelistischen Text. Das bedeutet allerdings keinesfalls, daß geistliche Musik in der Evangelisation fehl am Platz wäre. Es kommt nur darauf an, mit welchem Ziel sie eingesetzt wird: sie kann die Wortverkündigung keinesfalls ersetzen, aber sie kann sie wunderbar ergänzen. Sie kann eine angenehme Atmosphäre schaffen, in der sich die ungläubigen Besucher wohlfühlen, so daß sie offener werden für die Botschaft. Und sie kann durch passende Liedtexte die Verkündigung illustrieren oder noch einmal zusammenfassen.

Ähnliches gilt für Sketche, Anspiele, Pantomime, Marionetten- und Handpuppenspiel, Videoclips, Tageslichtfolien, Dias usw. Sie können und dürfen nicht den Platz der Verkündigung des Wortes Gottes einnehmen - nicht einmal teilweise; d.h. ihr Einsatz darf nie zeitlich auf Kosten der Schriftauslegung gehen. Segensreich können diese Dinge jedoch sein, wenn sie zu Veranschaulichung der biblischen Botschaft dienen. Zu diesem Zweck müssen sie sorgfältig ausgesucht und auf die jeweilige Wortverkündigung abgestimmt werden.

Jemand sagte einmal im Hinblick auf Gemeinden und Missionswerke: „Gott segnet als Ergänzung das, was Er als Ersatz verfluchen würde." Diese Wahrheit gilt auch hier.

Detlev Fleischhammel