Sketch für eine Person zu Offb. 3, 20

 

Guten Morgen!

Ich möchte Euch mal was von meinem Freund erzählen. Eigentlich hab ich ihn sehr gern; er ist ein sehr netter Kerl, aber in letzter Zeit mußte ich mich doch sehr über ihn wundern.

Also, vor kurzem erwähnte er am Telefon so nebenbei, daß er bald Urlaub hat, aber er hätte kein Geld, um richtig zu verreisen. Da habe ich ihn zu mir eingeladen. Ich sagte zu ihm: "Komm zu mir! Du kannst bei mir wohnen, solange du Urlaub hast. Mein Haus soll dein Haus ein. Du kannst ja Ausflüge machen usw. und dich einfach mal bei mir ausspannen."

Er hat das Angebot gerne angenommen und kam dann wenig später. Zuerst war es auch für mich sehr schön; wir haben viel miteinander geredet, wenn ich nicht gerade wegen der Arbeit fort war.

Aber eines Tages kam ich nach Hause und traf ihn beim Toiletteputzen an. Stellt euch mal vor - mein Freund putzt bei mir die Toilette! Das war ja wohl der berühmte Wink mit dem Zaunpfahl. Gut, nötig war es schon lange gewesen - aber was geht ihn das an! Ich hab dann ein ernstes Wort mit ihm geredet, und er hat es dann auch akzeptiert, daß er mein Badezimmer nicht mehr betreten darf. Seitdem muß er sich mit der Gästetoilette begnügen.

Am nächsten Tag gab es aber schon wieder Ärger. Da hat er, ohne zu fragen, einfach meinen Keller aufgeräumt! Naja, da herrschte halt die Art Ordnung, die manche Leute als Chaos oder Tohuwabohu bezeichnen - aber schließlich ist das mein Gerümpel und meine Unordnung, und die hat so zu bleiben, wie sie ist. Ich habe ihn dann höflich, aber bestimmt gebeten, nie wieder meinen Keller zu betreten. Das hat er mir fest versprochen, und er hat sich auch daran gehalten.

So weit, so gut. Ein paar Tage lang war alles ok, aber dann kam es, wie es kommen mußte: mein Freund mischte sich weiter in meine persönlichen Angelegenheiten und mußte die Konsequenzen tragen: einmal stürzte er in die Küche und stellte eine fast glühende Herdplatte ab, die ich vergessen hatte; und ein anderes Mal meinte er, der Läufer, der lose auf dem Parkett im Wohnzimmer liegt, könne leicht jemand zu Fall bringen. Tja, und seitdem sind auch Küche und Wohnzimmer für ihn tabu.

Ich bin ja ein sehr geduldiger Mensch, aber heute ist mir doch der Kragen geplatzt. Da habe ich ihn nämlich dabei erwischt, wie er meine Schuhe putzte. Und da habe ich ihn rausgeschmissen.

Er hat mich nur traurig angesehen, hat seine Sachen gepackt und ist rausgegangen.

Und wißt ihr, was mein Freund jetzt macht? Jetzt steht er draußen vor der Tür und klopft an!

 

Detlev Fleischhammel