Lehren oder Evangelisieren -
die falsche Alternative

 

Lehre und Evangelisation sind zwei sehr wichtige Elemente des Lebens und Dienstes der Gemeinde Jesu, die allerdings auch in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen müssen. Leider gibt es Gemeinden, die großen Wert auf die Vermittlung von Bibelkenntnis legen, deren evangelistische Aktivitäten sich jedoch darauf beschränken, von Zeit zu Zeit einen Evangelisten zur Durchführung entsprechender Veranstaltungen einzuladen. Und es gibt Gemeinden, die sich große Mühe geben, um Menschen mit dem Evangelium zu erreichen, die dabei aber die biblische Lehre sträflich vernachlässigen. Das eine Extrem ist so falsch wie das andere!

Lehre und Evangelisation sind nicht zu trennen

Die Gemeinden des Neuen Testaments waren evangelistisch sehr aktiv. So kann Paulus die jungen Gläubigen in Thessalonich loben: "Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erschollen, nicht allein in Mazedonien und in Achaja, sondern an jeden Ort ist euer Glaube an Gott hinausgedrungen, so daß wir nicht nötig haben, etwas zu sagen" (1. Thess. 1, 8). Allein die Provinzen Mazedonien und Achaja im südlichen Griechenland machten schon ein Gebiet aus, das bis zu ca. 700 km lang und ca. 500 km breit ist - und überall dort hatte die Gemeinde aus Thessalonich bereits das Evangelium verkündigt, wie die Apostel auf ihren Missionsreisen immer wieder feststellen konnten!

Genauso wichtig wie die Evangelisation war den Gemeinden des Neuen Testaments die Lehre. Sie war eine der vier Säulen des geistlichen Lebens der Urgemeinde (Apg. 2, 42). Und obwohl Paulus anscheinend nur drei Wochen in Thessalonich war (Apg. 17, 2) und er in dieser Zeit auch noch seinen Lebensunterhalt verdiente (1. Thess. 2, 9), ist es erstaunlich, wieviel biblische Lehre er den jungen Gläubigen vermittelte, z.B. über Gottes Reich und Herrlichkeit (1. Thess. 2, 12), über das Leiden um Jesu willen (1. Thess. 3, 3), über den christlichen Lebenswandel (1. Thess. 4, 1 - 2. 11 - 12/ 2. Thess. 3, 10 - 11), über die Wiederkunft Jesu (1. Thess. 5, 2) und den Antichristen (2. Thess. 2, 1 - 5). Evangelisation und Lehre gehören zusammen!

Lehre darf nicht die Evangelisation ersetzen

Zu den traditionellen Stärken unserer Brüdergemeinden gehören das kompromißlose Festhalten an der klaren biblischen Lehre und die z.T. erstaunlich gute Bibelkenntnis bei vielen unserer Gemeindeglieder. Die Lehre hat bei uns von jeher einen hohen Stellenwert gehabt. Aber auf der anderen Seite bestehen leider gewisse Berührungsängste im Hinblick auf die "Welt". Als ich vor etwa zehn Jahren in einem Seminar über Persönliche Evangelisation in unserer Gemeinde empfahl, sich z.B. einem Verein anzuschließen, um mit Außenstehenden einen guten Kontakt zu bekommen, da war die Resonanz gerade bei älteren Geschwistern nicht gerade ermutigend. Umso dankbarer bin ich dafür, daß die Gemeinde so hinter unseren Nachbarschaftsfesten steht, die wir jetzt jährlich durchführen, um mit den Bewohnern des Stadtviertels ins Gespräch zu kommen, in dem unser Gemeindehaus steht.

Wenn wir es dabei bewenden lassen, darauf zu warten, daß die Menschen von sich aus zu uns kommen, um das Evangelium zu hören; wenn wir nur über die Verstocktheit der Menschen und den "harten Boden" an unserem Ort klagen, anstatt uns ernsthaft darüber Gedanken zu machen, wie wir unsere Mitbürger besser mit dem Evangelium erreichen können; wenn die jährliche Evangelisationswoche im Grunde nur dazu dient, unser schlechtes Gewissen im Hinblick auf den Missionsbefehl zu beruhigen - dann stimmt letztlich auch etwas mit unserer Lehre nicht. Eine gesunde biblische Lehre bewegt uns dazu, mit Phantasie und Liebe immer wieder auf die Menschen zuzugehen, um ihnen die Frohe Botschaft zu bringen. Petrus und Johannes sagten einmal, als man ihnen dies verbot: "Denn es ist uns unmöglich, von dem, was wir gesehen und gehört haben, nicht zu reden" (Apg. 4, 20). Können wir das von uns auch behaupten?

Evangelisation darf nicht auf Kosten der biblischen Lehre gehen

Ein Beispiel für das andere Extrem ist die berühmte "Willow Creek Community Church" von Pastor Bill Hybels in der Nähe von Chicago. Diese Gemeinde ist bekanntlich sehr aktiv in der Evangelisation, vor allem durch besondere Gottesdienste für Suchende, an denen wöchentlich Tausende teilnehmen. Aber obwohl die Verantwortlichen die Notwendigkeit klarer biblischer Lehre erkennen und betonen, wird die Lehre in der Praxis sehr vernachlässigt, u.a. weil nur wenige Mitarbeiter über nennenswertes Bibelwissen verfügen1.

Auch in der evangelistischen Verkündigung kommt die biblische Lehre in Willow Creek zu kurz. Das hat seine Ursachen u.a. in den starken Einflüssen der Prinzipien des Marketing und der amerikanischen Populärpsychologie sowie in einer Überbewertung des Images und der äußeren Wirkung in den evangelistischen Veranstaltungen. Dies hat zu gewissen Einseitigkeiten in der Verkündigung geführt, z.B. zu einer Überbetonung der Liebe Gottes im Verhältnis zu Seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit. Ein früherer Mitarbeiter sagte einmal, wenn auch in einem etwas anderen Zusammenhang: "Willow Creek ist eine Meile breit und einen halben Zoll tief"2.

Die Liebe zu den Verlorenen ist in dieser Gemeinde wirklich vorbildlich, ebenso wie auch weite Teile des Konzeptes, das sie entwickelt hat und einsetzt, um "dazu beizutragen, daß kirchendistanzierten Menschen zu hingegebenen Nachfolgern Christi verwandelt werden" (so lautet ihr erklärtes Ziel). Davon können und sollten wir lernen. Aber leider geht dort die Evangelisation zumindest teilweise eindeutig auf Kosten der biblischen Lehre.

Evangelisation und Lehre gehören zusammen! In der Apostelgeschichte wird etwa dreizehnmal die evangelistische Verkündigung als "Lehren" oder "Lehre" bezeichnet (4, 2. 18/ 5, 21. 25. 28. 42/13, 12/ 17, 19/ 18, 11/ 21, 21. 28/ 28, 31). Und da, wo uns berichtet wird, was die Apostel lehrten, sehen wir deutlich, daß es sich tatsächlich inhaltlich um Lehre handelt, z.B. bei der Pfingstpredigt des Petrus (Apg. 2, 14 - 41), seiner zweiten Predigt (Apg. 3, 12 - 26), bei der sogenannten Verteidigungsrede des Stephanus vor dem Hohen Rat (Apg. 7), bei der Predigt des Petrus im Haus des Kornelius (Apg. 10, 34 - 43) und bei der Rede des Paulus auf dem Areopag in Athen (Apg. 17, 22 - 31). Oft werden Worte aus dem Alten Testament zitiert und ausgelegt, jedesmal wird das Heilsgeschehen erklärt, und immer wieder wird zur Buße aufgefordert. Gegenüber den Athenern knüpft er zwar an ihre Vorstellungen und Denkweisen an, aber inhaltlich geht er keine Kompromisse ein; so sagt er ihnen unverblümt, daß sie, anstatt die toten, von Menschen gemachten Götzen zu verehren, den wahren Gott anbeten sollten, der die Welt erschaffen hat. Er ruft sie sogar zur Buße wegen ihres Götzendienstes und spricht vom kommenden Gericht und von der Auferstehung der Toten; und gerade an diesem Punkt nahmen dann ja auch einige der Zuhörer Anstoß.

Fazit

Ob bei uns die Evangelisation vernachlässigt wird oder die Lehre (oder vielleicht sogar beides?), das wird von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich sein. Aber langfristig gesehen, wird wohl auch in unseren Kreisen eher die Lehre zu kurz kommen als die Evangelisation. Unsere jüngeren Geschwister haben heute meist recht gute Kontakte zu Außenstehenden, und sie sind offen für neue Konzepte und Ideen dafür, wie man die Menschen effektiver mit dem Evangelium erreichen kann. Wenn man hier ganz neue Wege geht, besteht allerdings das Risiko der Anpassung der Verkündigung an den Zeitgeist. Dazu kommt noch, daß der biblischen Lehre ein immer geringerer Stellenwert eingeräumt wird. Lehre gilt weithin als trocken, langweilig, theoretisch und kaum relevant. Sie wird oft als weniger wichtig angesehen als die Praxis des Glaubenslebens und als geistliche Erlebnisse und Erfahrungen. Die Gründe dafür liegen in der in unserer menschlichen Natur angelegten Denkfaulheit (man läßt lieber andere für sich denken), aber auch im Zeitgeist: wir sind immer mehr starke optische und akustische Reize durch die Medien gewöhnt (wenn die Fernsehsendung zu langweilig wird, "zappt" man weiter zu anderen Sendern - das ist in der Bibelstunde nicht möglich); außerdem sind auch viele Gläubige der Erlebnissucht erlegen: immer und überall muß "die Post abgehen", und das kann und soll auch die beste biblische Lehre nun einmal nicht bieten.

Angesichts solcher Tendenzen kann einem im Hinblick auf die Zukunft unserer Gemeinde(n) angst und bange werden. Aber wir dürfen uns an die Verheißung Jesu halten, daß nicht wir, sondern Er selbst Seine Gemeinde baut und daß "des Hades Pforten sie nicht überwältigen werden" (Mat. 16, 18). Dennoch müssen die verantwortlichen Brüder in den Gemeinden hier wachsam sein. Sie müssen auf sich selbst und aufeinander achten, damit die biblische Botschaft nicht verwässert oder verkürzt wird. Unsere Verkündigung darf und soll auch christliche Lebenshilfe sein, aber nicht der Mensch und seine Bedürfnisse haben im Mittelpunkt zu stehen, sondern Gott und Seine Ziele. Wir dürfen und sollen den Menschen die Liebe Gottes zu ihnen immer wieder neu groß machen, aber wir müssen ihnen auch Seine Heiligkeit und Gerechtigkeit bewußt machen. Wenn wir nicht mehr den Mut haben, deutlich zu sagen, daß Gott zwar den Sünder liebt, aber die Sünde haßt, und daß es nicht nur eine ewige Herrlichkeit bei Gott gibt, sondern auch eine endlose, qualvolle Verdammnis in der Hölle, dann werden wir schuldig an Gott und an unseren Zuhörern.

Selbstkritik ist auch angebracht im Hinblick auf unsere Gemeindelehre. Daß unsere Bibelstunden meist nur schwach besucht werden, liegt sicherlich oft auch an der Art und Weise, wie wir die biblische Lehre vermitteln. Geht es da nicht vielfach wirklich zu trocken-theoretisch zu? Fehlt da nicht häufig der Praxisbezug? Mangelt es nicht so manches Mal an der Vorbereitung? Sollten wir uns nicht die Mühe machen, unsere Lehre mit ansprechenden Medien (z.B. Folien) zu veranschaulichen?

Lehren oder Evangelisieren - das ist in der Tat eine falsche Alternative. Möge Gott uns helfen, auf diesem Gebiet die nötige Ausgewogenheit zu finden und zu bewahren!

Detlev Fleischhammel


1 G.A. Pritchard, Willow Creek - die Kirche der Zukunft? S. 275, vgl. S. 269ff

2 ders., S. 264