Fiktives Interview mit Johannes dem Täufer
(zu Mat. 11, 2 - 6)

 

INTERVIEWER: Lieber Johannes, wir haben gesehen, daß Du ein glaubensstarker, vollmächtiger und mutiger Diener Gottes warst. Du bist uns ein großes Vorbild. Aber gerade deshalb möchte ich Dich etwas fragen, wenn es Dir nicht zu peinlich ist: wie konnte es dazu kommen, daß Du plötzlich Zweifel daran hattest, daß der Herr Jesus wirklich der verheißene Messias war, den Du selbst angekündigt und auch getauft hattest?
JOHANNES: Nein, diese Frage ist mir überhaupt nicht peinlich, und sie ist sehr berechtigt. Ich glaube, Du wirst mich besser verstehen können, wenn Du Dir die Situation vor Augen führst, in der ich damals war.
INTERVIEWER: Die war alles andere als rosig, das ist mir klar. Du warst im Gefängnis, weil Du zu Recht den Herodes wegen seiner Ehe mit der Frau seines Halbbruders kritisiert hattest, und Du ahntest sicherlich, daß das nicht gut ausgehen würde.
JOHANNES: Genauso war es.
INTERVIEWER: Sei mir nicht böse, aber mir ist immer noch nicht klar, wie das mit Deinen Zweifel zusammenhängt.
JOHANNES: Weißt Du, ich hätte das wahrscheinlich alles einigermaßen unter die Füße bekommen; schließlich war ich nicht der erste Prophet in Israel, der für seine unbequeme Verkündigung büßen mußte. Was mir aber schwer zu schaffen machte, waren die vielen Wunder, die der Herr Jesus tat. Davon haben mir meine Jünger immer wieder berichtet.
INTERVIEWER: Ich verstehe immer noch nicht.
JOHANNES: Du mußt mich nur ausreden lassen. Ich habe immer gedacht: wenn der Herr Jesus so viele und so großartige Wunder tun kann, warum holt Er mich dann nicht hier raus? Er hilft allen möglichen Menschen, ganz egal, wer es ist - aber ich bin Ihm anscheinend gleichgültig!
INTERVIEWER: Ach so - ja, das ist klar, daß einem so allerhand Gedanken kommen, wenn man ständig allein in der Gefängniszelle sitzt.
JOHANNES: Richtig; und bei mir ging das sogar soweit, daß ich mich fragte, ob dieser Jesus wirklich der Messias war, auf den wir Juden seit vielen Jahrhunderten warteten. Konnte Er mir nicht helfen, oder wollte Er es nicht?
INTERVIEWER: Und deshalb hast Du dann Deine Jünger zu Ihm geschickt?
JOHANNES: Ja, ich wollte endlich Gewißheit haben; ich wollte diese nagenden Zweifel los sein. Manches sehe ich jetzt im Rückblick klarer - z.B., daß es eine raffinierte Taktik des Teufels war, mich gerade in dieser Zeit mit den Gedanken des Zweifels zu bombardieren. Zu jeder anderen Zeit hätte das bei mir wenig verfangen, aber jetzt war ich einsam, in einer unbequemen, dreckigen Gefängniszelle, und die Aussichten für meine Zukunft waren mehr als schlecht.
INTERVIEWER: Johannes, jetzt kann ich Dich recht gut verstehen - ich glaube, mir wäre es auch nicht anders gegangen. Danke für Deine Auskünfte!
JOHANNES: Bitte, gern geschehen.

Detlev Fleischhammel