Detlev Fleischhammel

Die ganze Bibel als Quelle aller Gotteserkenntnis

 

Als ich während meiner Schulzeit mit einem Freund und Klassenkameraden einmal über die Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit des Wortes Gottes diskutierte, behauptete er, das sei doch gar nicht so wichtig. Er wurde dann aber doch nachdenklich, als ich ihn fragte: "Was wüßten wir eigentlich von Gott, wenn wir die Bibel nicht hätten?"

Die Bibel ist die Quelle aller Gotteserkenntnis, und zwar die ganze Bibel. Diese Wahrheit hat zwei wesentliche Aspekte: 1) Alles, was wir über Gott wissen, finden wir im Wort Gottes; 2) Das gesamte Wort Gottes ist wichtig und notwendig zur Erkenntnis Gottes.

Alles, was wir über Gott wissen, finden wir im Wort Gottes

Natürlich finden wir auch außerhalb der Bibel Erkenntnisse über Gott, z.B. in der Schöpfung, in unserem Gewissen und in unseren geistlichen Erfahrungen mit Ihm. Aber diese Dinge sind als Quellen der Gotteserkenntnis immer nur bruchstückhaft und können sogar in die Irre führen.

Jeder unvoreingenommene Beobachter kann an der Natur erkennen, daß sie von einem Wesen erschaffen worden ist, das uns Menschen an Größe, Weisheit und Kraft weit überlegen ist. Wer allerdings versucht, aus der heutigen Beschaffenheit der Schöpfung Rückschlüsse auf den Charakter Gottes zu machen, wird aufgrund des Überlebenskampfes im Tierreich (fressen und gefressen werden) zu der Fehleinschätzung kommen, daß Gott grausam sei.

Ähnlich verhält es sich mit dem Gewissen: es ist unser Sinn für das, was moralisch richtig bzw. falsch ist - in ihm spiegelt sich Gott sozusagen in unserer Seele. Und doch kann es uns täuschen: ein zu enges Gewissen beschneidet unnötig unsere Freiheit, und ein zu weites wiederum "erlaubt" uns Dinge, die in Gottes Augen nicht in Ordnung sind.

Auch unsere geistlichen Erfahrungen geben uns wertvolle Einblicke in das Wesen Gottes, indem sie uns z.B. Seine Treue, Barmherzigkeit, Liebe und Geduld vor Augen führen. Wie arm wäre unser Leben ohne sie! Und doch sind sie immer subjektiv und werden z.T. durchaus unterschiedlich interpretiert und bewertet; als Beispiel sei hier auf den sog. "Toronto-Segen" verwiesen.

Die Gotteserkenntnis, die wir in der Bibel finden, kann durch die Schöpfung, das Gewissen und unsere Erfahrungen also immer nur ergänzt, aber niemals ersetzt werden. Andererseits lassen sich alle Informationen über Gott, die diese drei Dinge uns vermitteln können, auch im Wort Gottes nachlesen. Die Heilige Schrift enthält das Maximum an Gotteserkenntnis, das uns Menschen in unserem irdischen Leben möglich ist. In ihr hat der Gott, den wir Menschen von uns aus nicht erkennen können, sich uns geoffenbart. Sie deckt uns kostbare Wahrheiten über Gott auf, wobei unser Wissen über Ihn aufgrund der Begrenztheit unseres menschlichen Fassungsvermögens sicherlich dennoch relativ klein ist. Trotzdem können wir unserem Gott nicht dankbar genug sein dafür, daß Er uns in der Bibel wahrheitsgemäße, zuverlässige und objektive Einblicke in Sein Wesen gegeben hat.

Die Frage ist allerdings, inwieweit die Vorstellungen, die wir als Gläubige von Gott - bewußt oder unbewußt - haben, mit dem übereinstimmen, was die Bibel über Ihn lehrt. Psychologen sagen uns, daß unser Gottesbild in erheblichem Maße davon geprägt wird, wie wir in unserer Kindheit unseren Vater erlebt haben. Das trifft wohl weitgehend zu, obwohl dabei sicherlich auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen, wie z.B. die eigene Persönlichkeit und Prägung insgesamt. Es liegt auf der Hand, daß dadurch zwangsläufig z.T. falsche Vorstellungen von Gott entstehen, die durch geistliche Erfahrungen, vor allem aber durch eine intensive Beschäftigung mit der Bibel korrigiert werden müssen. Auch deshalb sollten wir darauf achten, daß "das Wort des Christus reichlich unter uns wohnt" (Kol. 3, 16). Es ist auffallend, daß in manchen christlichen Kreisen (auch in evangelikalen!) z.B. in Grußworten nicht selten die Bibel überhaupt nicht mehr zitiert wird; daß dies in unseren Gemeinden noch anders ist, darauf sollten wir nicht stolz sein, sondern Gott dafür danken und darauf achten, daß es auch so bleibt.

Das gesamte Wort Gottes ist wichtig und notwendig zur Erkenntnis des Wortes Gottes

"ALLE Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit ... " (2. Tim. 3, 16) Gott hat sich uns in der GANZEN Bibel geoffenbart; das bedeutet, daß die Heilige Schrift kein Buch, ja noch nicht einmal ein Kapitel oder einen Vers ohne für uns relevante Informationen enthält - schließlich ist Gottes Reden nicht unnötig weitschweifig oder kommt gar vom Thema ab, wie das bei uns Menschen oft der Fall ist.

Natürlich muß in diesem Zusammenhang beachtet werden, daß z.B. der Erzählstil und die Poesie des Alten Testaments sich wesentlich von der europäischen Literatur der Neuzeit unterscheiden, so daß wir manche Passagen als etwas langatmig empfinden können. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß auch weniger beachtete Teile des Wortes Gottes zu unserer Gotteserkenntnis beitragen können und sollen. Drei Beispiele mögen genügen, um dies zu belegen: Im Buch Rut sehen wir, daß Gott auch in Seinem Heilshandeln an und mit Israel die anderen Völker nie aus den Augen verloren hat: er nahm die Moabiterin Rut in den Stammbaum unseres Erlösers auf (Rut 4, 17). Das Buch Ester zeigt uns u.a. die Treue und Weisheit Gottes: Er machte die Pläne Hamans, die Juden auszurotten, zunichte und bewahrte Sein Volk. Der Prophet Zephanja führt uns in nur drei Kapiteln sowohl die absolute Heiligkeit Gottes vor Augen, und zwar anhand der angekündigten Strafgerichte über Sein Volk (Kap. 1,1 - 3, 7), als auch Seine unermeßlich große Liebe (Kap. 3, 8 - 20, besonders V. 17).

Folglich muß die GANZE Bibel Gegenstand unserer regelmäßigen Lektüre, unseres Studiums, aber auch unserer Verkündigung und Lehre sein. "Denn ich habe nicht zurückgehalten, euch den GANZEN Ratschluß Gottes zu verkündigen," sagte Paulus zu den Ältesten der Gemeinde Ephesus (Apg. 20, 27) - und dies innerhalb von nur drei Jahren (V. 31)! "Den ganzen Ratschluß Gottes verkündigen" heißt nicht, zu versuchen, mit unseren Predigten und Bibelstunden den Bibelschulen Konkurrenz zu machen. Aber wir müssen unseren Gemeindegliedern eine gute Kenntnis des Heilsplans und der Heilsgeschichte Gottes vermitteln sowie von dem, was Gott von uns erwartet. Wie zu diesem Zweck Bibelstunden genutzt werden können, wird an anderer Stelle erläutert; da aber in kaum einer unserer Gemeinden die Mehrheit der Gemeindeglieder regelmäßig die Bibelstunden besucht, müssen wir mehr und mehr versuchen, auch in unseren Gottesdiensten eine fundierte biblische Gotteserkenntnis weiterzugeben. Dabei gilt es, u.a. Folgendes zu beachten:

· Wir dürfen die Auslegung des Alten Testaments nicht vernachlässigen

Zentrale Lehren wie die über die neutestamentliche Gemeinde, über den Heiligen Geist und über die Wiedergeburt finden sich natürlich nicht oder nur ansatzweise im Alten Testament. Dafür gibt es uns aber - mehr und anschaulicher als das Neue Testament - wichtige Einblicke in das Wesen Gottes, z.B. in Seine Heiligkeit (siehe die Mosebücher) und in Seine Treue (anhand Seines Heilshandelns an Seinem Volk). Wer mehr oder weniger regelmäßig Predigtdienste in einer Gemeinde tut, ist deshalb gut beraten, zur diesbezüglichen Selbstkontrolle in irgendeiner Weise schriftlich festzuhalten, wann er über welche Bibelabschnitte bzw. Themen gesprochen hat.

· Wir müssen uns davor hüten, unsere persönlichen Lieblingsbücher, -texte oder -themen überzubetonen

Eigentlich dürfte dies ja gar nicht geschehen, weil wir uns bei der Auswahl von Bibeltexten bzw. Themen für unsere Verkündigung und Lehre vom Heiligen Geist leiten lassen wollen - und wir sollten unbedingt daran festhalten, diese Entscheidungen unter Gebet und echter Offenheit für Seine Führung zu tun. Aber es wäre wohl niemand so vermessen, zu bestreiten, daß wir dabei so manches Mal doch auch von unseren persönlichen Neigungen beeinflußt werden. Je mehr Brüder am Verkündigungsdienst einer Gemeinde beteiligt sind, desto weniger gravierend wirkt sich dies aus. Dennoch sollten wir auch hier selbstkritisch sein, Themenvorschläge von Geschwistern anhören und uns bei der "Textfindung" in der Predigtvorbereitung auch einmal ganz bewußt mit Bibelabschnitten beschäftigen, die sonst selten ausgelegt werden. Empfehlenswert sind in diesem Zusammenhang auch Predigtserien (evtl. in Absprache mit anderen Brüdern) über bestimmte Themen, Bibeltexte oder auch ganze (nicht zu umfangreiche) biblische Bücher.

· Unsere Verkündigung muss sowohl lehrhaft als auch seelsorgerlich sein

Dienst und Gabe des Hirten (Seelsorgers) und Lehrers werden in Eph. 4, 11 in jeweils einer Person gesehen und somit eng miteinander verbunden. Diese beiden Elemente brauchen und ergänzen einander, auch in der Verkündigung: die Lehre bemüht sich um eine saubere und gründliche Bibelauslegung, bliebe aber - für sich genommen - ohne Praxis- und Alltagsbezug für die Zuhörer; die Seelsorge wendet die biblischen Aussagen auf die konkrete Situation der Zuhörer an, bedarf jedoch der Exegese als logischer Grundlage, Autorität und Bevollmächtigung. Sehr viele Wortverkündiger neigen anscheinend mehr zur einen oder zur anderen Seite - auch das zeigt, wie leicht die Verkündigung in einer Gemeinde einseitig werden kann, wenn sie von (fast) nur einem Bruder getan wird. Und wer auf diesem Gebiet bei sich selbst eine gewisse Unausgewogenheit entdeckt (vielleicht auch durch Hinweise anderer?), sollte diesbezüglich an sich arbeiten.

· Unsere Verkündigung braucht auch ein Gleichgewicht zwischen Ermahnung und Ermutigung

Selbst in evangelikalen Gemeinden nimmt die Verkündigung z.T. immer mehr eine "Stromlinienform" an: sie ist glattflächig, hat ein gutes rhetorisches Styling und bietet dem Gegenwind, den schriftgemäße Predigten im Herzen der Zuhörer schon einmal entfachen können, möglichst wenig Stirnfläche. Gott erwartet aber von den Verkündigern Seines Wortes auch den Mut zur Verbindlichkeit und Unbequemlichkeit auf der Kanzel (2. Tim. 4, 2 - 3). Eine vollmächtige, den biblischen Maßstäben entsprechende Predigt erkennt man nicht daran, daß die Zuhörer sie "gut" oder "schön" finden, sondern daran, daß sie bei den einen auf Widerstand stößt und bei den anderen positive Veränderungen bewirkt. Wenn unsere Verkündigung andererseits zu viel Ermahnung und zu wenig Ermutigung enthält, wenn sie also mehr aus Anspruch als aus Zuspruch besteht, dann fehlt ihr ebenso die Ausgewogenheit; zu harte, zu fordernde Predigten sind ebenso wenig schriftgemäß und aufbauend wie das andere Extrem. Wir müssen in den einzelnen Predigten natürlich unterschiedliche Schwerpunkte setzen, und dennoch sollten wir unseren Zuhörern in einem Gottesdienst nie ausschließlich entweder Gottes Forderungen oder Gottes Verheißungen weitergeben. Aber auch in der gesamten Verkündigung einer Gemeinde ist diesbezüglich ein gesundes Gleichgewicht notwendig - und auch möglich, wenn die im Predigtdienst stehenden Brüder darauf achten, welche Akzente jeweils die anderen in letzter Zeit gesetzt haben, und wenn sie sich um einen guten, seelsorgerlichen Kontakt zu den Geschwistern der Gemeinde bemühen, so daß sie jeweils spüren, was "dran" ist.

Die ganze Bibel ist die Quelle aller Gotteserkenntnis. "Für mich aber - wie kostbar sind deine Gedanken, o Gott! Wie gewaltig sind ihre Summen!" (Ps. 139, 17)

Detlev Fleischhammel