Von Gaben und Früchten

 

"Papa, ich habe heute an den Bundesjugendspielen unserer Schule teilgenommen," erzählte die zehnjährige Sarah ihrem Vater. Der erschrak, denn seine Tochter war von Geburt an aufgrund eines fehlenden Muskels im Fuß gehbehindert und mußte ständig eine Schiene tragen. Das mußte ja eine furchtbar entmutigende Erfahrung gewesen sein! Aber sie fuhr munter fort: "Papa, ich habe zwei Rennen gewonnen!" Was? Das konnte doch nicht sein! "Naja, ich hatte aber auch einen Vorteil." So, dachte der Vater. Sicher hat man ihr einen Vorsprung gegeben. Sarah erahnte seine Gedanken. "Nein, ich habe keinen Vorsprung bekommen. Mein Vorteil war, daß ich mir mehr Mühe geben mußte!"

Diese Geschichte gibt eine anschauliche Antwort auf die Frage:

Was ist der Unterschied zwischen Gaben und Früchten?

"Gabe" kommt von "geben". Gaben sind also Fähigkeiten bzw. Begabungen, die wir nicht erworben, sondern empfangen haben. Früchte sind im wörtlichen Sinn diejenigen Teile einer Pflanze, die sie zu ihrer Vermehrung produziert. Sie sind zugleich Sinn und Zweck jeder Pflanze. Das wird in der Bibel beispielsweise deutlich am Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum, der gefällt werden sollte, wenn er auch nach vier Jahren keine Frucht bringen würde (Luk. 13, 6 - 9). Im übertragenen Sinn sprechen wir z.B. von der Frucht unserer Arbeit und meinen damit die Ergebnisse unseres Fleißes und Einsatzes.

Was versteht die Bibel darunter?

Das Neue Testament spricht von Gnadengaben bzw. geistlichen Gaben wie Weissagung, Lehre, Glauben und Ermahnung (Röm. 12, 6 - 8/ 1. Kor. 12/ Eph. 4, 11/ 1. Pt. 4, 10 - 11). Jeder Gläubige hat mindestens eine dieser Gaben bekommen, und zwar nicht für sich selbst, sondern zum Dienst für Gott und für andere Menschen (1. Kor. 12, 7). Diese Gaben sind sozusagen das für den Bau des Reiches Gottes unerläßliche Handwerkszeug. Über dieses Thema ist so viel gesagt und geschrieben worden, daß es nicht nötig ist, darauf in diesem Rahmen näher einzugehen.

Leider gilt dies nicht für das Thema "geistliche Früchte". Was versteht die Bibel konkret darunter? Zunächst einmal ist es im wesentlichen das, woran die meisten Gläubigen hier vor allem denken, nämlich die Resultate unseres Dienstes: Bekehrungen (Joh. 4, 36/ Röm. 1, 13), geistliche Auferbauung anderer (1. Kor. 14, 14) und praktische Hilfe für andere (Röm. 15, 28). Das ist aber beileibe nicht alles. Das Neue Testament nennt auf diesem Gebiet auch einige Dinge, die sich auf unsere Beziehung zu Gott beziehen: Buße (Mat. 3, 8), Gehorsam gegenüber Gottes Wort (Mat. 13, 22), ein Leben im Sieg über die Sünde (Röm. 6, 22/ 7, 4), Heiligung im Sinne von positiven Veränderungen unseres Verhaltens und unseres Wesens (Gal. 5, 22/ Eph. 5, 9/ Hebr. 12, 11/ Jak. 3, 17) und Anbetung Gottes (Hebr. 13, 15).

Geistliche Früchte sind also segensreiche Wirkungen, die Gott durch uns hervorbringt, wenn wir uns Ihm dazu im Glauben, Vertrauen und Gehorsam zur Verfügung stellen.

Was ist wichtiger: Gaben oder Früchte?

Der Herr Jesus warnte seine Jünger: "Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen! Inwendig aber sind sie reißende Wölfe" (Mt. 7, 15). Die Verführung ist mindestens so gefährlich wie die Verfolgung, weil sie nicht massiv und frontal vorgeht, sondern versteckt und subtil. Deshalb werden Verführer oft erst dann entdeckt, wenn sie bereits schweren Schaden angerichtet haben. Davor möchte der Herr Jesus uns bewahren. Aber woran sollen wir merken, wer ein echter und wer ein falscher Prophet ist? Es ist uns ja, im Gegensatz zu Gott, nicht möglich, anderen Menschen ins Herz zu sehen! Deshalb hat uns der Herr ein Unterscheidungsmerkmal gegeben, das wir beurteilen können: "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen" (Mt. 7, 16). Das ist nicht schwer: "Liest man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen?"

Aber was für Früchte sind hier gemeint? Das Problem ist, daß ja jeder Mensch sowohl Gutes (gute Taten) als auch Schlechtes (Sünden) produziert. Der Herr Jesus sagt aber ganz deutlich, daß ein falscher Prophet - wie Disteln und Dornen - nur schlechte Frucht hervorbringt, ein wahrer Prophet jedoch - wie Trauben und Feigen - nur gute. Wie ist das also zu verstehen?

Nun, in V. 20 wiederholt Er den Satz "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen", bevor Er scheinbar das Thema wechselt und erläutert, was man tun muß, um in den Himmel zu kommen (V. 21 - 23). Es genügt nicht, "Herr, Herr" zu Ihm zu sagen oder gar in Seinem Namen zu weissagen, Dämonen auszutreiben und viele Wunderwerke zu tun (V. 22). Stattdessen gilt es, den Willen Gottes zu tun (V. 21). Diese Wahrheit führt die Lehre über die falschen Propheten fort, denn V. 22 beschreibt genau das, was diese Verführer tun und womit sie sich als wahre Diener Gottes ausweisen wollen. Aber Weissagungen, Dämonenaustreibungen und weitere übernatürliche Wirkungen sind nun einmal keine Früchte, sondern Gaben. Die Frucht, an der diese Menschen als wirkliche Männer Gottes erkennbar wären (wenn sie es denn wären), wäre der Gehorsam Gott gegenüber (den Willen Gottes tun). Ein von Gott beauftragter und bevollmächtigter Diener muß nicht sündlos sein, aber er muß ernsthaft bemüht sein, das Wort Gottes nicht nur zu verkündigen, sondern es auch in seinem eigenen Leben konsequent zu praktizieren. Bewußter und anhaltender Ungehorsam ist mit seinem Dienst unvereinbar. Er macht ihn unglaubwürdig, ja, er entlarvt ihn als einen "falschen Propheten".

Eine Beurteilung anhand der Früchte ist leider nicht sofort möglich. Man muß den Betreffenden schon etwas näher kennenlernen, um feststellen zu können, ob sein Leben diese Frucht des Gehorsams hervorbringt oder nicht. Kennt man ihn nicht persönlich, dann ist man natürlich auf das angewiesen, was über ihn berichtet wird. Auch das braucht Zeit. Wahrscheinlich hat der Herr Jesus ganz bewußt das Bild der Pflanze und ihrer Frucht gewählt, um uns das zu verdeutlichen. Die Frucht muß reifen, um erkennbar zu werden. Bei dem Gleichnis vom Unkraut im Acker (Mt. 13, 24 - 30) z.B. handelte es sich wahrscheinlich um eine giftige Pflanze, die zunächst wie Weizen aussah und erst an den Ähren identifiziert werden konnte. Deshalb hatte es keinen Sinn, zu versuchen, sofort das Unkraut zu entfernen. Man mußte es bis zur Ernte mitwachsen lassen.

Das aber sind wir heute kaum noch gewohnt in unserer Zeit des Instantkaffees, der Sofortbildkameras, des Fast Food (Schnellimbiß) und anderer Errungenschaften, die uns das Warten ersparen sollen. Deshalb sollten wir uns selbstkritisch fragen: Nach welchen Kritierien beurteilen wir Menschen, die scheinbar oder tatsächlich Diener Gottes sind? Lassen wir uns nicht oft blenden von ihren Gaben wie z.B. eine gewinnende Ausstrahlung, eine gute Rhetorik, akademische Titel, einen hohen Intelligenzquotienten, ein beeindruckendes Auftreten, einen hohen Bekanntheitsgrad und besondere Fähigkeiten? Wenn Gläubige über diese Attribute verfügen und sie für den Bau des Reiches Gottes mit einsetzen, umso besser. Aber auch Verführer verfügen darüber und täuschen damit Gläubige, die mehr auf die Gaben sehen als auf die Früchte.

Früchte sind wichtiger als Gaben - das sollte auch im Gemeindeleben mehr beachtet werden. Ich habe den Eindruck, daß wir z.B. immer mehr in eine gewisse "Schieflage" kommen dadurch, daß die Brüder, die in unseren Gemeinden die Leitungsverantwortung tragen, sich in zunehmendem Maße zusammensetzen aus Akademikern, Geschäftsleuten, höheren Beamten und leitenden Angestellten. Wir sollten dankbar dafür sein, daß sie diesen Dienst tun. Aber warum sind nicht mehr Männer unter ihnen, die kein Hochschulstudium absolviert haben und nicht Karriere gemacht haben - z.B. Arbeiter und Handwerker? Ist das nicht auch ein Symptom dafür, daß wir dazu neigen, die Gaben von Menschen wie Intelligenz, Bildung und beruflichen Erfolg zu überbetonen auf Kosten ihrer Früchte wie Bewährung im Dienst, geistliche Reife und Gesinnung?

 

 

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