Detlev Fleischhammel

Wir sind alle Ausländer!

 

Den Autoaufkleber mit dem bekannten Slogan "Wir sind alle Ausländer - fast überall" gibt es schon seit einigen Jahren, aber er ist leider aktueller denn je. Fast jeder Deutsche ist schon in anderen Ländern gewesen, und so mancher hat dort eine oftmals ganz erstaunliche Gastfreundschaft erleben dürfen; und doch stehen nicht wenige unserer Landsleute solchen Menschen, die als Ausländer unter uns leben, mehr oder weniger feindselig gegenüber. Könnte es sein, daß diese Haltung teilweise auch schon auf uns Christen abgefärbt hat?

Wenn man sich mit den Aussagen der Bibel zu diesem Thema beschäftigt, merkt man einmal mehr, wie hochaktuell sie ist. Für uns als Gläubige wird nämlich der Unterschied zwischen Einheimischen und Fremden fast bedeutungslos aufgrund der Tatsache, daß wir in Gottes Augen als Christen alle Ausländer sind.

Jünger Jesu sind "Einwanderer" im Reich Gottes

Soweit wir nicht jüdischer Herkunft sind, haben wir von Natur aus überhaupt keinen Zugang zum Reich Gottes. In Eph. 2, 11 - 19 wird uns unmißverständlich klargemacht, daß wir vor unserer Bekehrung außerhalb des von Gott erwählten Volkes, ausgeschlossen von Gottes Bund, ja Nichtbürger und Fremde in Gottes Augen waren. Erst durch das Erlösungswerk Jesu sind wir zu "Mitbürgern der Heiligen und Gottes Hausgenossen" geworden (V. 20).

Der Begriff "Nichtbürger" (griech.: xenos) bezeichnet einen durchreisenden Fremden, der zwar Gastfreundschaft genoß, aber, wenn er sich ansiedelte, keine Rechte besaß und verachtet und höchstens geduldet wurde. Ein "Fremder" (griech.: paroikos) war ein Ausländer, der sich gewisse Rechte hatte erkaufen können und unter allgemeinem Schutz lebte, aber dennoch keine Bürgerrechte besaß. Im Gegensatz dazu hatte ein "Mitbürger" (sumpolitV) alle aktiven und passiven Rechte, und ein "Hausgenosse" (oikeios) gehörte sogar zum Haushalt, ja sozusagen zur Familie.

Wir sind also eigentlich "nur" Einwanderer oder Eingebürgerte im Reich Gottes - und doch nimmt Gott uns genauso an wie Sein auserwähltes Volk. Gerade für uns Christen sollte es daher selbstverständlich sein, in unserem Denken, Reden und Handeln keinen Unterschied zu machen zwischen Einheimischen und Ausländern.

Jünger Jesu sind Himmelsbürger

Nach Phil 3, 20 sind wir als Kinder Gottes Staatsbürger des Himmels. Natürlich sind wir trotzdem auch noch Bürger des Landes, zu dem wir gehören. Aber unsere himmlische Staatsbürgerschaft relativiert ganz stark unsere irdische Nationalität: "Da ist nicht Jude noch Grieche ... " (Gal. 3, 28). Im Himmel wird es einmal völlig unbedeutend sein, was für einen Paß wir auf der Erde gehabt haben!

Jünger Jesu sind "Ausländer" in dieser Welt

Petrus bezeichnet uns als "Nichtbürger" (nach der Elberfelder Übersetzung: "Beisassen") und "Fremdlinge" in dieser Welt (1. Pet. 1, 1/ 2, 11). Wahrscheinlich will er uns daran erinnern, daß wir uns hier auf der Erde nur vorübergehend aufhalten; dieses irdische Leben ist ja nur ein Durchgangsstadium für uns, die wir uns auf der Durchreise zu unserer eigentlichen Heimat, der himmlischen Herrlichkeit, befinden.

Wie sollte sich das Wissen darum, daß wir nur "Einwanderer" im Reich Gottes sind, dann aber auch Himmelsbürger und infolgedessen "Ausländer" in dieser Welt (ganz gleichgültig, in welchem Land wir uns aufhalten), auswirken auf unsere Einstellung gegenüber den Fremdlingen in unserem Land?

Sehr praktische und konkrete Anweisungen hierfür finden wir im Alten Testament, vor allem in den Mosebüchern. Obwohl Gott von der Gemeinde des Neuen Bundes nicht erwartet, daß sie sämtliche Bestimmungen des alttestamentlichen Gesetzes genau einhält, sind diese Ordnungen doch Offenbarungen des Willens Gottes für uns, deren Prinzipien im Wesentlichen auch für uns Maßstab sind.

Jünger Jesu schulden Ausländern Gerechtigkeit

In Israel galt für Einheimische und Ausländer weitgehend das gleiche Recht, 2. Ms. 12, 49/ 3. Ms. 19, 34/ 24, 22/ 4. Ms. 9, 14/ 15, 15 - 16. 29:

1) Ausländer konnten sich dem Herrn und Seinem Volk anschließen und wurden von Gott ebenso angenommen wie die Israeliten, Jes. 56, 3. 6 - 8. Die Ausländer unter den Israeliten traten mit ein in den Bund Gottes mit Israel, 5. Ms. 29, 9 - 11

2) Sie durften im Tempel opfern, 3. Ms. 17, 8 - 9/ 4. Ms. 15, 14. Sie durften auch Passah feiern, wenn sie sich beschneiden ließen, 2. Ms. 12, 43 - 48/ 4. Ms. 9, 14; teilnehmen durften sie ebenso am Wochenfest (5. Ms. 16, 11) und am Laubhüttenfest, (5. Ms. 16, 14).

3) Folgende Bestimmungen galten ausdrücklich auch für Ausländer:

a) Das Sabbatgebot, 2. Ms. 20, 10/ 23, 12/ 3. Ms. 16, 29/ 22, 18/ 5. Ms. 5, 14

b) Das Verbot des Essens von Blut, 3. Ms. 17, 10ff

c) Die Verordnungen über Sexualität und Götzendienst, 3. Ms. 18, 26/ 20, 2

d) Die Bestimmungen über das Reinigungswasser, 4. Ms. 19, 10

e) Das Gesetz über die ungesäuerten Brote in der Zeit des Passah, 2. Ms. 12, 19

f) Die Todesstrafe als Folge des Lästerns des Namens Gottes, 3. Ms. 24, 16

g) Die Bestimmungen über unbewußtes und bewußtes Sündigen, 4. Ms. 15, 27, 31

h) Das Gebot, verarmten Mitbürgern finanziell zu helfen, 3. Ms. 25, 35

i) Das Gesetz über die Zufluchtsstädte für Menschen, die unabsichtlich getötet hatten,

4. Ms. 35, 15/ Jos. 20, 9

Es gab allerdings auch besondere Bestimmungen für Ausländer:

1) Im Gegensatz zu den Einheimischen durften die Ausländer Aas essen, 5. Ms. 14, 21. Dagegen waren ihnen Lebensmittel verboten, die Gott geweiht (und den Priestern gegeben worden) waren; Ausnahme: Sklaven von Priestern, 3. Ms. 22, 10 - 11.

2) Ehen zwischen Israeliten und Ausländern waren nicht erlaubt, Esr. 10, 2ff/ Neh. 9, 2ff/ 13, 27 - 30.

3) Israelitische Sklaven mußten nach sechs Jahren freigelassen werden und durften nicht an Ausländer verkauft werden, 2. Ms. 21, 1 - 8. Das galt jedoch nicht für ausländische Sklaven, 3. Ms. 15, 45 - 46.

4) Schulden mußten jüdischen Schuldnern nach sieben Jahren erlassen werden; bei Fremden durften sie jedoch eingetrieben werden, 5. Ms. 15, 1 - 3. Nur von Ausländern durften Darlehenszinsen genommen werden, 5. Ms. 23, 20 - 21.

5) Ausländer durften nicht König werden in Israel, 5. Ms. 17, 15.

Obwohl also die Unterschiede zwischen Einheimischen und Ausländern nie aufgehoben wurden, galt doch weitestgehend das gleiche Recht für beide. Gott hat Seinem Volk mehrfach sehr scharf jede Diskriminierung und Unterdrückung der Fremdlinge in ihrer Mitte verboten (2. Ms. 23, 9/ 5. Ms. 27, 19/ Hes. 22, 7) und ihm Gericht angedroht für den Fall der Mißachtung dieser Anweisung (Mal. 3, 5).

Wenn in Deutschland Ausländer lächerlich gemacht, diskriminiert, beschimpft, angepöbelt, verletzt und sogar getötet werden, dann beteiligen wir uns als Christen natürlich nicht daran. Aber machen wir uns durch unser Schweigen zu diesem Unrecht nicht auch mitschuldig?

Jünger Jesu schulden Ausländern Hilfe

Wenn in Israel jemand verarmte, mußte die Volksgemeinschaft für ihn sorgen, ganz gleich, ob es sich um einen Einheimischen oder einen Ausländer handelte, 3. Ms. 25, 35. Ein anderes Beispiel ist die Verwendung des Zehnten von den Feldfrüchten und dem Vieh. Diese Güter waren bestimmt für die Leviten (die kein Land besaßen) sowie für die Witwen und Waisen - und für die Fremdlinge.

In unserem Land bekommen bedürftige Ausländer finanzielle Hilfe vom Staat. Dennoch brauchen sie auch praktische Hilfen, z.B. bei Behördengängen. Oftmals besteht ein krasser und beschämender Gegensatz zwischen dem, was Deutschen in anderen Ländern an Hilfsbereitschaft wie selbstverständlich entgegengebracht wird, und der Gleichgültigkeit, Kälte und Ablehnung, mit der Deutsche Menschen aus den gleichen Ländern bei uns teilweise begegnen! Auch auf diesem Gebiet können und müssen wir als Christen ein Zeugnis sein.

Jünger Jesu schulden Ausländern Liebe

Das Gebot der Liebe zu den Ausländern in 3. Ms. 19, 34 begründet Gott mit der Fremdlingschaft Israels in Ägypten - die Israeliten (bzw. ihre Vorfahren) haben am eigenen Leibe erfahren, was es bedeuten kann, in einem fremden Land als Ausländer zu leben. In 5. Ms. 10, 18 - 19 argumentiert Gott zusätzlich noch mit Seinem Wesen:

" ... der Recht schafft der Waise und der Witwe und den Fremden liebt, so daß er ihm Brot und Kleidung gibt. Auch ihr sollt den Fremden lieben, denn Fremde seid ihr im Land Ägypten gewesen."

Gott liebt nicht nur Seinesgleichen, nämlich Seinen Sohn, sondern auch uns, die wir so ganz anders sind als Er, ja von Natur aus sogar Seine Feinde (Röm. 5, 8 - 10). Deshalb kann Er auch von uns erwarten, daß wir unsere Liebe nicht auf Menschen beschränken, die die gleiche Nationalität, die gleiche Muttersprache und die gleiche kulturelle Prägung haben wie wir selbst.

Diese Liebe zu den Fremden wirkt sich aus im Eintreten gegen Ausländerfeindlichkeit, in praktischer Hilfe und in einer positiven Haltung gegenüber Menschen aus anderen Ländern. Wenn wir sie mit Gottes Augen der Liebe sehen, dann sind sie für uns nicht Eindringlinge, die uns Einheimischen angeblich Arbeitsplätze wegnehmen (was nicht den Tatsachen entspricht) oder Wohnungen, die vermeintlich nur von unseren Steuergeldern leben und unser Land überfremden, sondern ganz einfach Menschen, die, wie wir selbst, von Gott geschaffen wurden und geliebt werden. Diese Liebe wird sich auch in kleinen Gesten äußern wie z.B. ein freundlicher Gruß, ein Lächeln oder indem man sich im Bus, im Zug oder im Wartezimmer bewußt neben jemanden setzt, der offensichtlich Ausländer ist.

Jünger Jesu schulden Ausländern das Evangelium

Alle sieben Jahre sollte anläßlich des Laubhüttenfestes das Gesetz dem ganzen Volk vorgelesen werden, 5. Ms. 31, 10 - 13. Dabei sollten auch die in Israel lebenden Fremdlinge zuhören. Das erinnert uns an unseren evangelistischen Auftrag gegenüber den Ausländern in unserem Land. Gott hat uns einen Teil des "Missionsfeldes" in unsere Heimat geschickt, z.T. direkt vor unsere Haustür. Manche Ausländer in Deutschland kommen aus z.B. islamischen Ländern, in denen offizielle Missionsarbeit verboten ist. Sie sind hier oft ziemlich einsam und sind dankbar, wenn wir uns um sie kümmern. Sehen wir diese Chancen? Sind wir uns der Tatsache bewußt, daß wir auch ihnen das Evangelium schulden (Röm. 1, 14)?

Letztlich sind wir alle Ausländer. Und wenn wir wirklich etwas Effektives gegen die Ausländerfeindlichkeit in unserem Land unternehmen wollen, dann sollten wir weniger an spektakuläre, plakative Aktionen denken, sondern vor allem an unseren Kollegen und unsere Nachbarin, die ganz konkret unsere Hilfe, aber auch das Evangelium brauchen.

Detlev Fleischhammel