Eine gefährliche, aber notwendige Gratwanderung

 

Vor wenigen Jahren wurde in der Politik (vor allem im Wahlkampf) um die doppelte Staatsbürgerschaft für in Deutschland lebende Ausländer gerungen. Die Streitfrage, ob man solchen Mitbürgern erlauben soll, die Zugehörigkeit zu ihrem Heimatland behalten, wenn sie Deutsche werden, ist inzwischen von anderen Themen in den Hintergrund gedrängt worden. Wenn sie uns Christen daran erinnert hat, daß auch wir "Wanderer zwischen zwei Welten" sind, dann hat sie aber zumindest ein Gutes gehabt.

Die Situation (Joh. 17, 9 - 19)

"Unser Bürgerrecht ist in den Himmeln" (Phil. 3, 20), aber wir sind auch eingebunden in ein irdisches Staatssystem. Ist uns eigentlich bewußt, in welch einer ungeheuren Spannung wir damit leben? Ein Buch von Watchman Nee, das sich mit diesem Thema befaßt, trägt in der deutschen Übersetzung den treffenden Titel: "In der Welt, aber nicht von der Welt". Er erklärt darin auch, was mit der Welt gemeint ist: nicht die Schöpfung, nicht die Erde, sondern ein geordnetes System, das hinter den Kulissen von Satan beherrscht wird. In diesem Spannungsfeld zwischen der vom Teufel manipulierten Weltordnung und dem Reich Gottes leben wir als Christen und müssen unseren Weg finden. Dieser Weg ist eine Gratwanderung zwischen den Extremen der Weltflucht und der Weltsucht bzw. zwischen dem Versuch, sich gegen die Welt abzuschotten, und der Neigung, sich darin aufzulösen.

Im Hohepriesterlichen Gebet Jesu wird diese Problematik deutlich. Der Herr Jesus ist im Begriff, diese Welt zu verlassen, aber Seine Jünger bleiben in der Welt zurück (Joh. 17, 11a). Es ist Sein ausdrücklicher Wille, daß sie in dieser Welt leben: "Ich bitte nicht, daß du sie aus der Welt wegnimmst" (V. 15a). Er hat sie ganz bewußt in diese Welt hinein ausgesandt (V. 18); sie haben also einen Auftrag zu erfüllen. Aber sie sind genausowenig "von der Welt" wie ihr Herr (V. 14. 16); sie leben in dem von Satan beherrschten Weltsystem, gehören aber wesensmäßig nicht mehr dazu. Sie haben einen anderen Herrn, und ihr Leben wird von völlig anderen Zielen bestimmt. Deshalb haßt sie diese Welt (V. 14b) - sie ist diesen "Ausländern" grundsätzlich feindlich gesonnen. Weil der Herr Jesus das weiß, betet Er für Seine Jünger um Bewahrung vor zwei Gefahren: vor den direkten, massiven Angriffen Satans (V. 15b), aber auch vor einem falschen Ausweichen - sie sollen nicht Angepaßte sein, sondern Geheiligte (V. 19).

Das ist die Situation, in der auch wir heute leben. Watchman Nee hat sie bekanntlich in folgendem Bild zusammengefaßt: Christen leben in dieser Welt wie ein Boot: das Boot muß im Wasser sein, aber das Wasser darf nicht ins Boot kommen.

Die nötige Absonderung (Röm. 12, 2)

"Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Sinnes, daß ihr prüfen mögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene."

Den ersten Teil dieses Verses kann man sinngemäß auch so übersetzen: "Und laßt euch nicht dieser Welt anpassen, sondern laßt euch verändern ... ". Das erste Verb enthält im Griechischen das Wort "Schema", das ursprünglich u.a. die Bedeutungen "Haltung", "Form", "Gestalt", "Beschaffenheit" hatte; gemeint ist damit, daß man die gleiche Gestalt annimmt bzw. sich dem Wesen nach anpaßt. Genau das sollen Christen im Hinblick auf die Welt niemals tun! Im zweiten Verb steckt auch ein uns bekanntes Wort: Metamorphose. Wir kennen es aus der Biologie: eine häßliche Raupe verpuppt sich, und nach einiger Zeit verwandelt sie sich in einen wunderschönen Schmetterling. Das ist ein Bild für die geistliche Veränderung, die sich an den Gläubigen vollziehen soll.

Für Jünger Jesu ist also nicht Anpassung angesagt, sondern Veränderung oder, anders ausgedrückt, Absonderung. "Sei ein lebend'ger Fisch, schwimme doch gegen den Strom", heißt es in einem christlichen Kinderlied sehr treffend. Das ist eine Botschaft, die heute wohl leider oft eher am Rande unserer Verkündigung steht und die auch nicht so gerne gehört wird.

Ein junger Mann berichtete voller Freude nach dem Ende seines Wehrdienstes, daß er mit seinen Bundeswehrkameraden keinerlei Probleme wegen seines Christseins gehabt habe; auf entsprechende Fragen mußte er dann aber kleinlaut zugeben, daß keiner von ihnen je erfahren hatte, daß er ein Jünger Jesu war. - Anstatt über ihn zu lächeln, sollten wir erkennen, daß niemand von uns frei ist von einem derartigen Fehlverhalten. Wir alle sind schon abgetaucht, wo ein mutiges Bekenntnis dran gewesen wäre; wir alle haben uns schon angepaßt, wo wir gegen den Strom hätten schwimmen sollen. Sind wir in unserer Umgebung überhaupt noch als Christen erkennbar? Auch ohne unser gesprochenes Zeugnis muß unsere Umwelt merken, daß wir anders sind, nämlich an unserem Verhalten und an den Wertmaßstäben, die dadurch sichtbar werden.

Leider haben aber gerade solche Gläubigen, die diese Dinge sehr ernst nehmen, oft ein einseitiges bzw. unvollständiges Verständnis von Absonderung. Sie erschöpft sich bei ihnen in der Nichtanpassung an die Welt bzw. in der Befolgung der ersten Aufforderung von Röm. 12, 2: "Und seid nicht gleichförmig dieser Welt ... " Absonderung und Heiligung bestehen für sie aus mehr oder weniger altmodischer Kleidung und ebensolchen Frisuren, aus dem Festhalten an althergebrachten Formen und Gewohnheiten im Gemeindeleben und an einer Fülle von Dingen, die ein Christ angeblich nicht tun darf. Natürlich ist daran etwas Wahres: gewisse Verhaltensweisen, die heute gang und gäbe sind, verbietet uns Gottes Wort; es gibt gute, bewahrenswerte Traditionen; eine schamlose Kleidung verunehrt Gott, und z.B. eine Punkfrisur läßt nicht gerade auf geistliche Reife schließen. Aber auch Gesetzlichkeit (das Aufstellen vor Normen, die über die biblischen Maßstäbe hinausgehen) ist unbiblisch. Und es nützt nichts, den Fernseher abzuschaffen, um nicht gleichförmig dieser Welt zu sein, wenn man dann auf andere Christen herabsieht, die dies nicht tun - denn mit dem Stück äußerlicher Weltlichkeit, das man vielleicht mit dem TV-Empfänger losgeworden ist, ist umso mehr innerliche Weltförmigkeit in Form von Hochmut entstanden.

Heiligung und Absonderung sind in der Bibel nie nur Trennung von der Welt, sondern immer gleichzeitig auch Hingabe an Gott. Und deshalb reicht es nach Röm. 12, 2 nicht, sich nicht dieser Welt anpassen zu lassen. Dazu gehört genauso auch die zweite Aufforderung: " ... sondern laßt euch verändern (oder: verwandeln) durch die Erneuerung eures Sinnes". Mit "Sinn" ist hier die ganze innere Orientierung gemeint, die innere Einstellung, die Denkweise. Sie ist von Natur aus durch den Sündenfall verdorben und muß deshalb erneuert werden. Der Prozeß der Verwandlung (Metamorphose) ist viel weitreichender als der der Nichtanpassung. Anders ausgedrückt: Wenn wir der ersten Anweisung von Röm. 12, 2 nachkommen ("Und seid nicht gleichförmig dieser Welt"), dann ist das mehr ein äußerlicher Vorgang; es geht mehr um die Form. Wenn wir aber das tun, was als zweites von uns verlangt wird ("sondern laßt euch verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes"), dann werden wir völlig auf den Kopf gestellt; aus der häßlichen Raupe wird ein hübscher Schmetterling - unser ganzes Wesen wird verändert.

Wie soll das gehen? Im Grundtext haben diese beiden Aufforderungen an uns eine grammatische Form, die unsere Sprache nicht kennt: den Imperativ Passiv. Genau genommen, ist das absurd; denn hier wird uns eine Handlung befohlen, bei der wir nicht Subjekt sind, sondern Objekt. Anders ausgedrückt: wir werden aufgefordert zu etwas, das wir nicht tun, sondern über uns ergehen lassen sollen. Die Elberfelder Bibel hat das im zweiten Teil wörtlich und somit formal richtig wiedergegeben: "werdet verwandelt". Das ergibt aber nur dann einen Sinn, wenn man es versteht als die Zustimmung zu etwas, das eine andere Person an uns tun will. Das gilt für beide Aufforderungen.

Ganz praktisch bedeutet das, daß wir in beiden Fällen im Grunde nicht selbst handeln, sondern etwas an uns geschehen lassen (die Verwandlung durch die Erneuerung unseres Wesens) bzw. nicht zulassen (die Anpassung an die Welt). Es bedeutet, daß wir nicht agieren, sondern reagieren: ablehnend auf die Versuche unserer gottlosen Umwelt, uns wesensmäßig in sie zu integrieren, und zustimmend auf das Wirken Gottes, das uns Ihm ähnlicher machen will.

Die nötige Anpassung (1. Kor. 9, 19 - 22)

Jawohl - auch Anpassung muß sein, aber recht verstandene Anpassung. Um die verschiedensten Menschen für das Evangelium zu gewinnen, erwartet Paulus nicht, daß sie so werden wie er, sondern er paßt sich ihnen äußerlich an - wohlgemerkt: äußerlich, nicht wesensmäßig, und ohne dabei auch nur ein Quentchen des Inhalts seiner Verkündigung zu verändern. Er ist nicht den Juden ein Jude geworden und denen, die ohne Gesetz sind, einer ohne Gesetz; wer ihn so zitiert, der unterschlägt das kleine, aber wichtige Wörtchen WIE. Der Apostel ist bereit, sich um des Evangeliums willen den religiösen Skrupeln der Juden zu unterwerfen (Apg. 21, 23 - 26) und z.B. Bedenken gegen das Essen von Götzenopferfleisch aufzugeben (1. Kor. 10, 27). Das bedeutet aber weder, daß er zur jüdischen Religion zurückgekehrt ist, um die Juden zu gewinnen, noch, daß er sich am Götzendienst beteiligt hat, um von den Heiden akzeptiert zu werden.

Die Art seiner Anpassung erkennt man in seiner evangelistischen Verkündigung. Hat er es mit Juden bzw. jüdischen Proselyten zu tun, dann legt er ihnen das Alte Testament aus und weist nach, daß Jesus der verheißene Messias ist (Apg. 13, 14 - 41). Heiden gegenüber knüpft er dagegen an ihre Denkweise an und zitiert aus ihrer Literatur, um sie dann auf den wahren, lebendigen Gott hinzuweisen (Apg. 17, 22 - 31).

Liebe macht erfinderisch - das sollte auch für die Liebe zu den Verlorenen gelten. Um die Menschen in einer sich ständig und immer schneller verändernden Welt mit dem Evangelium erreichen zu können, müssen wir uns immer wieder neue Formen, Methoden und Strategien einfallen lassen, damit wir sie da abholen können, wo sie wirklich sind. Dabei müssen wir aber auch sehr darauf achten, sie tatsächlich dorthin zu bringen, wo Gott sie haben will. Für Automobildesigner gilt das Prinzip: "Die Form folgt der Funktion" - die schönsten Formen nützen nichts, wenn sie verhindern, daß das Fahrzeug optimal seinen Zweck erfüllt. Auf uns angewendet, muß es heißen: "Die Form richtet sich nach dem Inhalt, und nicht umgekehrt". Wenn eine neue Art der Verkündigung ihren Inhalt verfälscht - und diese Gefahr muß heute sehr ernst genommen werden - dann ist unsere Anpassung entschieden zu weit gegangen. Genauso falsch wäre es jedoch, aus übertriebener Vorsicht an Evangelisationsformen festzuhalten, die sich zwar vor Jahrzehnten bewährt haben (und die damals z.T. auch neu und ungewohnt waren!), die aber offensichtlich ungeeignet sind, um die heutigen Menschen für den Herrn Jesus Christus zu gewinnen.

Die Nachfolge Jesu ist eine gefährliche, aber notwendige Gratwanderung. Wir dürfen uns nicht wesensmäßig unserer gottlosen Umgebung anpassen; dann erreichen wir zwar unsere Mitmenschen, aber wir haben ihnen im Grunde keine Botschaft mehr zu bringen. Wir dürfen uns aber auch nicht von der Welt abschotten, denn dann haben wir ihr zwar noch etwas zu sagen, aber es hört uns niemand. Gott sei Dank, daß es auch noch etwas zwischen diesen beiden Extremen gibt!

Detlev Fleischhammel